
Der Nebel hing Mitte November so dicht über der Mainbrücke, dass man die Festung Marienberg nur erahnen konnte. In meiner Küche war es dagegen hell und warm, das Wasser im Kessel pfiff leise, und vor mir lag ein völlig unberührter Bogen Papier. Ich hatte mir vorgenommen, an diesem Sonntagmorgen nicht nur kleine, trockene Blümchen zu malen, sondern mich an die Königsdisziplin zu wagen: die Nass-in-Nass-Technik.
Der Sprung ins kalte Wasser – oder: Warum Linien manchmal ein Gefängnis sind
Nach 35 Jahren im Schuldienst, in denen mein Leben von 45-Minuten-Takten, roten Korrekturstiften und strengen Lehrplänen bestimmt war, ist die Freiheit des Ruhestands manchmal fast beängstigend. Als ich im Juli 2024 meinen Schlüsselbund abgab, dachte ich, ich würde die Struktur vermissen. Aber im September kam die Idee mit den Farben, und plötzlich merkte ich, wie sehr ich mich nach etwas sehnte, das sich nicht kontrollieren lässt.
Zuerst habe ich versucht, alles ganz genau zu machen. Ich habe DrawTuts 'Zeichnen Lernen' angefangen, aber nach Lektion 3 habe ich den Bleistift weggelegt. Er fühlte sich zu sehr nach Schule an, nach harten Kanten und Richtig oder Falsch. Timothy90s Online-Kurs war da schon besser, er hat mir gezeigt, dass Wasser ein Eigenleben hat. Aber am eigenen Küchentisch, wenn man allein mit dem Pinsel dasitzt, ist das noch mal eine ganz andere Geschichte.
Die Nass-in-Nass-Technik ist im Grunde wie ein Gespräch, bei dem man nicht weiß, was das Gegenüber als Nächstes sagt. Man macht das Papier nass und lässt die Farbe hineinfließen. Es gibt keine harten Ränder, nur weiche Übergänge. Für jemanden wie mich, die Jahrzehnte damit verbracht hat, Kindern beizubringen, innerhalb der Linien zu bleiben, war das eine echte Überwindung.
Das Material: Warum man am falschen Ende nicht sparen sollte
Ich bin ja eigentlich eine sparsame Frau. Meine Kolleginnen haben immer gescherzt, dass ich selbst den kleinsten Rest Kreide noch aufbrauche. Aber beim Aquarellieren habe ich schnell gelernt, dass billiges Papier der größte Feind der Freude ist. Wenn man mit viel Wasser arbeitet, wellt sich normales Papier wie ein alter Teppich.
Ich benutze inzwischen Papier mit einem Flächengewicht von 300 g/m². Das ist dick genug, um die Feuchtigkeit aufzunehmen, ohne dass sich Pfützen in den Tälern bilden. Und noch etwas habe ich gelernt: Die Faserzusammensetzung von 100 % Baumwolle macht einen riesigen Unterschied. Baumwolle hält das Wasser länger gleichmäßig fest, sodass man mehr Zeit hat, die Pigmente zu schubsen, bevor alles trocknet. Wenn ich jetzt sonntags meine zwei Stunden von 7 bis 9 am Fenster sitze, weiß ich, dass das Material mir hilft, statt gegen mich zu arbeiten.
Es ist ein bisschen wie beim Backen: Mit gutem Mehl gelingt der Hefeteig einfach besser. Meine Nachbarin meinte neulich im Treppenhaus, ich sähe so entspannt aus – wahrscheinlich liegt es an diesen stillen Stunden, in denen ich nur darauf achte, wie nass mein Papier gerade ist.
Die Sache mit dem Ultramarinblau
Einer meiner liebsten Momente ist das lautlose Aufblühen der blauen Farbpigmente in der Wasserlache auf dem Papier. Ich benutze oft das klassische Ultramarinblau, auf den Näpfchen steht meistens der Pigment-Index PB29. Wenn die nasse Spitze des Pinsels die Oberfläche berührt, explodiert die Farbe förmlich. Das erinnert mich jedes Mal an die Tinte in den alten Schulheften meiner ersten Klassen, wenn mal ein Tintenfass umgekippt ist – nur dass es heute kein Missgeschick ist, sondern Absicht.
Meine wichtigste Erkenntnis: Die Sache mit dem Vornässen
In fast allen Büchern und Videos, die ich mir im Oktober 2024 besorgt hatte, hieß es: Wenn du Nass-in-Nass malen willst, musst du das ganze Blatt vorher mit einem Schwamm oder einem dicken Pinsel nass machen. Ich habe das monatelang so gemacht und bin fast verzweifelt. Die Farbe lief mir buchstäblich vom Tisch, alles war unkontrollierbar, und am Ende hatte ich meistens nur eine graue Suppe.
Hier ist meine ganz persönliche Erfahrung vom Küchentisch: Die weit verbreitete Empfehlung, bei der Nass-in-Nass-Technik das Papier komplett vorzunässen, macht die Kontrolle über den Farbverlauf oft unnötig schwer. Man fühlt sich als Anfänger völlig hilflos, weil man gar nicht so schnell reagieren kann, wie das Wasser trocknet oder wegläuft.
Ich mache es jetzt anders. Ich nässe nur die Bereiche vor, in denen ich wirklich weiche Kanten will. Den Rest lasse ich trocken. Das gibt mir die Sicherheit, die ich als Anfängerin brauche. Es ist ein kontrolliertes Loslassen. Manchmal ist es eben besser, nicht gleich das ganze Leben auf einmal umzukrempeln, sondern Schritt für Schritt vorzugehen – wie ich es auch in meinem Artikel darüber beschrieben habe, wie man ein neues Hobby mit 50 plus finden kann, ohne sich zu überfordern.
Der Frust während der grauen Januartage
Es gab diesen einen Sonntag im Januar, draußen war alles bleigrau, und ich wollte ein bisschen Sonne auf das Papier zaubern. Ich hatte mir ein schönes Gelb angemischt und wollte es in einen blauen Himmel fließen lassen. Aber ich war zu ungeduldig. Das Papier war noch viel zu nass, die Pfütze zu tief.
Ich stieß ein enttäuschtes Seufzen aus, als das Gelb viel zu schnell in das Blau floss. Statt einer leuchtenden Frühlingswiese entstand ein schmutziges, stumpfes Grau. In solchen Momenten kommt die alte Lehrerin in mir hoch, die sich über einen vermeidbaren Fehler ärgert. Aber dann atme ich tief durch, trinke einen Schluck Kaffee und erinnere mich daran, dass ich hier keine Noten vergeben muss. Schon gar nicht an mich selbst.
Aquarellfarben sind tückisch, weil sie beim Trocknen deutlich heller werden. Was nass noch kräftig und lebendig aussieht, wirkt zehn Minuten später oft blass. Man muss lernen, mutiger zu sein. Mehr Pigment, weniger Angst.
Ein Wendepunkt Anfang April
Anfang April hatte ich ein Erlebnis, das alles verändert hat. Ich wollte einen regnerischen Frühlingshimmel malen. Ich hatte das Papier vorbereitet und ein paar dunkle Wolkenformationen gesetzt. Plötzlich passierte ein Fehler: Ein dicker Tropfen sauberes Wasser fiel mir mitten in die noch nasse, dunkle Farbe.
Früher hätte ich versucht, das mit dem Küchentuch zu retten (und alles nur schlimmer gemacht). Aber diesmal habe ich einfach zugeschaut. Das Wasser verdrängte die Pigmente und bildete eine wunderschöne, helle Struktur, die wie ein Sonnenstrahl aussah, der durch die Wolken bricht. Durch das bloße Fließenlassen entwickelte das Bild eine Tiefe, die ich mit Absicht nie so hinbekommen hätte.
In diesem Moment habe ich verstanden, dass die Nass-in-Nass-Technik kein Kampf ist, sondern ein Dialog. Ich gebe einen Impuls, und das Wasser antwortet. Manchmal ist die Antwort schöner als die ursprüngliche Frage.
Der Sonntagvormittag als Ritual
Letzten Sonntagvormittag saß ich wieder da. Mein Enkel war am Nachmittag davor zu Besuch und hatte meine 'Versuche' gesehen. 'Oma, das sieht aus wie echte Wolken!', hat er gesagt. Kinder sind die besten Kritiker, weil sie nicht nach der Technik fragen, sondern nach dem Gefühl.
Ich habe diesmal versucht, Bäume zu malen, und dabei die Nass-in-Nass-Technik für die Baumkronen genutzt. Es ist immer noch nicht perfekt. Die Ränder sind manchmal noch zu ausgefranst, und manchmal verliere ich immer noch den Kampf gegen den Matsch. Aber das ist okay.
Hier sind ein paar Dinge, die mir am Küchentisch helfen:
- Geduld mit dem Feuchtigkeitsgrad: Ich warte oft einen Moment, bis das Papier nicht mehr spiegelt, sondern nur noch matt feucht glänzt. Dann lassen sich die Pigmente besser steuern.
- Zwei Wassergläser: Eines zum Reinigen des Pinsels, eines für sauberes Wasser zum Vornässen. So bleiben die Farben leuchtend.
- Mut zur Lücke: Man muss nicht jeden Quadratzentimeter mit Farbe füllen. Das Weiß des Papiers ist das schönste Licht im Aquarell.
Vielleicht fragst du dich jetzt, ob man in meinem Alter wirklich noch mal so etwas Komplexes anfangen sollte. Ich sage: Ja, unbedingt. Es geht nicht darum, eine Galerie zu eröffnen oder die nächste große Künstlerin zu werden. Es geht darum, diesen einen Moment am Sonntagmorgen zu haben, wenn die Welt draußen noch schläft und man selbst mit 58 Jahren noch einmal lernt, über die eigenen Fehler zu lächeln.
Ob ich irgendwann so weit bin, dass ich mich an Porträts traue? Ich weiß es nicht. Ich habe neulich gelesen, ob man Menschen zeichnen lernen kann als Anfänger, und vielleicht ist das mein Projekt für den nächsten Winter. Aber jetzt genieße ich erst mal den Frühling und das unvorhersehbare Fließen der Farben auf meinem Küchentisch. Es ist eine neue Art von Freiheit, die ich nach all den Jahren in der Schule erst noch richtig begreifen muss – ein nasser Pinselstrich nach dem anderen.