Aquarell Sonntag

Meine Erfahrungen mit der Aquarell Nass-in-Nass Technik am Küchentisch

Der Pinsel ist voll Wasser, ich tupfe ihn am Becherrand ab und setze das Blau auf ein Blatt, das noch feucht glänzt. Am runden Küchentisch am Ostfenster kriecht die Farbe von selbst nach außen und sucht sich ihren Weg — genau das ist die Nass-in-Nass-Technik: Farbe trifft auf nasses Papier und läuft weich ineinander, ohne harte Kante. Für mich als Anfängerin ist das der schönste Teil am ganzen Aquarell, und zugleich der kniffligste. Ein stilles Hobby im Ruhestand, das eine einzige harte Bedingung hat — und das sich längst nicht für jedes Motiv lohnt.

Die eine Bedingung heißt gleichmäßige Feuchtigkeit. Beim Nass-in-Nass-Malen muss das Papier überall gleich feucht sein, bevor die Farbe daraufkommt — sonst entstehen harte Ränder statt der weichen Übergänge, die man eigentlich haben will. Trocknet eine Ecke schneller als die andere, zieht die Farbe dort eine Linie, die sich später kaum noch wegnehmen lässt. Das ist der ganze Kern, und darum dreht sich jede Entscheidung, die danach kommt.

Die Nass-in-Nass-Technik: Wann sie sich lohnt und wann nicht

Weiche Himmel, dunstige Hintergründe, das leise Auseinanderlaufen von Blau in einer kleinen Wasserlache — dafür ist Nass-in-Nass gemacht. Will ich einen regnerischen Frühlingshimmel über der Silhouette der Festung Marienberg andeuten, setze ich die Farbe ins Feuchte und lasse sie ziehen. Das Ergebnis bekommt eine Tiefe, die ein trockener, kontrollierter Strich nie hergibt. Der Preis dafür ist die Kontrolle über die genaue Form.

Sobald es dagegen auf klare Formen ankommt, wird dieselbe Technik zum Ärgernis. Ein feiner Ast, ein Fensterkreuz, die Kante eines Dachs — nass in nass zerfließt das zu Matsch. Da verliert man mehr, als man gewinnt.

Als Anfängerin nehme ich mir längst nicht vor, alles auf einmal zu beherrschen. Dieselbe ruhige Haltung meine ich, wenn ich beschreibe, wie man ein neues Hobby mit 50 plus finden kann, ohne sich zu überfordern: eine Technik, ein Motiv, eine Entscheidung nach der anderen.

Nass-in-Nass und Nass-auf-Trocken im Vergleich am Küchentisch

Nass-auf-Trocken ist der ruhige Gegenpol. Trockenes Papier, Farbe drauf, und die Kante bleibt genau da, wo der Pinsel sie gesetzt hat. Man sieht sofort, was man tut. Darum nässe ich am Küchentisch oft nur die Stellen vor, an denen ich einen weichen Verlauf will, und lasse den Rest trocken — so bekomme ich beide Kanten in ein einziges Bild.

Der Unterschied lässt sich an einem einzigen Motiv zeigen. Wenn ich versuche, Bäume zu malen, nehme ich für die lockeren Kronen die nasse Variante, damit das Grün weich ausfranst, und wechsle für die dünnen Äste auf trockenes Papier, sonst laufen sie breit. Wer stattdessen Tiefe über mehrere Farbschichten aufbauen will, arbeitet ohnehin anders und in Lagen — aber das ist ein Thema für sich.

Den richtigen Feuchtigkeitsgrad erkennen

Die ganze Technik steht und fällt mit einem Moment: Wann ist das Papier feucht genug und nicht mehr zu nass? Solange die Oberfläche spiegelt wie eine Pfütze, ist zu viel Wasser da, und die Farbe schwimmt einfach weg. Erst wenn das Blatt stumpf wird und nur noch matt feucht schimmert, greifen die Pigmente — das ist mein Zeichen, die Farbe zu setzen.

Elfrun, die ich von einem Aquarell-Nachmittag im Gemeindehaus kenne, sagt es ganz ohne Fachwort: warte, bis das Blatt aufhört zu glänzen. So einen Satz merke ich mir sofort, viel besser als jede lange Erklärung.

Letzten Sonntag ist es mir trotzdem misslungen. Die eine Ecke des Blattes war schon matt, die andere glänzte noch — und mitten im Himmel bekam ich eine harte Linie, die da nichts zu suchen hatte. Kein großes Drama, aber ein klarer Hinweis: Ich hätte das Blatt vorher gleichmäßiger anfeuchten müssen.

Zwei Wassergläser stehen bei mir immer bereit — eines zum Auswaschen des Pinsels, eines mit klarem Wasser zum Anfeuchten, damit die Farben nicht trüb werden. Und nicht jede Stelle muss überhaupt Farbe bekommen. Das unbemalte Weiß des Papiers ist im Aquarell das hellste Licht, das man hat.

Für Anfänger im Ruhestand zählt die kleine Entscheidung

Die Entscheidung selbst ist am Ende ganz einfach. Willst du Weite, Dunst, einen weichen Übergang und kannst die genaue Form loslassen — dann nass in nass. Brauchst du eine klare Grenze, einen feinen Ast, eine Kante, die hält — dann lass das Papier trocken. Am Küchentisch treffe ich diese Wahl nicht fürs ganze Bild auf einmal, sondern Stelle für Stelle, so wie das Motiv es verlangt.

Beide Wege verzeihen übrigens mehr, wenn das Papier schwer genug ist und sich vom vielen Wasser nicht gleich wellt — welches Papier sich für Anfänger eignet, ist aber eine eigene Geschichte.

Mein Enkel stand neulich vor der schmalen Ablage, auf der die fertigen Blätter trocknen, und meinte, das da sehe aus wie ein richtiges Gemälde. Aus dem Mund eines Kindes wiegt so ein Satz mehr als jedes Lob über saubere Technik.

Ein Tagebuch nur mit Worten, ganz ohne Bilder, hat bei mir nie lange durchgehalten. Deshalb hebe ich lieber das Blatt selbst auf, misslungen oder nicht — das getrocknete Bild erzählt mir mehr über die Woche als jeder Satz, den ich darüberschreiben könnte.

Wer im Ruhestand am Küchentisch sitzt, muss aus dem Aquarell keine Galerie machen. Ob ich mich eines Tages traue, Menschen zeichnen lernen zu wollen, steht noch in den Sternen. Für den nächsten Sonntagmorgen reicht mir ein feuchtes Blatt, der Becher Kaffee links daneben und die eine Frage: Welche Kante soll diesmal weich werden, und welche scharf?

Verwandte Artikel