Aquarell Sonntag

Bäume malen mit Aquarell für Anfänger: Meine Versuche am Sonntagmorgen

Es ist genau 07:10 Uhr an diesem kühlen Sonntagmorgen Anfang März. In meiner Küche in Würzburg ist es noch fast dunkel, nur das kleine Licht über dem Herd brennt. Der Kaffee dampft in meiner alten Lieblingstasse, das Fenster steht einen Spalt weit offen und lässt die frische Frühlingsluft herein. Vor mir liegt ein völlig nacktes Blatt Papier, auf dem bisher nur ein einziger, etwas zittriger brauner Strich prangt. Mein erster Versuch einer Birke. Es ist Woche 22 meiner Reise mit dem Aquarellkasten, und heute habe ich mir vorgenommen, mich endlich an das zu wagen, was mich bei meinen Spaziergängen am Main immer so fasziniert: Bäume.

Vielleicht kennst du das auch. Man schaut aus dem Fenster und denkt: 'Das kann doch nicht so schwer sein.' Schließlich habe ich 35 Jahre lang als Grundschullehrerin gearbeitet und unzähligen Kindern erklärt, wie man einen Baum zeichnet. Unten ein Stamm, oben eine grüne Wolke, fertig. Aber jetzt, wo ich selbst hier sitze – ohne Klassenbuch, ohne Pausenklingel, nur ich und meine Farben – merke ich erst, wie wenig ich in all den Jahren wirklich hingesehen habe. Es ist ein seltsames Gefühl, mit 58 Jahren plötzlich wieder zur Schülerin zu werden. Aber es ist ein schönes Gefühl.

Vom Lutscher zum Lebewesen: Meine ersten Versuche

Nachdem ich im letzten Jahr den Online-Kurs von Timothy90 beendet hatte, fühlte ich mich eigentlich ganz sicher. Ich konnte Lavendelstängel und kleine Häuser malen. Aber Bäume? Bäume sind anders. Meine ersten Versuche sahen ehrlich gesagt aus wie grüne Lutscher auf braunen Stielen. Sehr akkurat, sehr ordentlich – und völlig leblos. Ich hatte diesen inneren Zwang, jedes Blatt einzeln zu malen. Das war wahrscheinlich die alte Lehrerin in mir, die alles ganz genau dokumentieren wollte.

In den letzten acht Wochen, vom 1. März bis zum 26. April 2026, habe ich mich jeden Sonntagvormittag von 7 bis 9 Uhr hingesetzt und nur Bäume gemalt. Insgesamt sind das 18 Stunden reine 'Baumzeit'. Wenn ich heute auf meinen Stapel schaue, sehe ich 14 verbrauchte Bögen Aquarellpapier. Neun davon sind meine eigentlichen Sonntagsbilder, die anderen fünf sind reine Übungsblätter, auf denen ich verzweifelt versucht habe, ein natürliches Grün zu mischen. Wer hätte gedacht, dass es so viele Arten von Grün gibt, die alle nicht nach Plastik aussehen?

Ein entscheidender Moment war, als ich merkte, dass das fertige 'Saftgrün' aus meinem Kasten viel zu grell war. Es sah aus wie ein künstlicher Rasen im Fußballstadion. Erst als ich anfing, mein Grün selbst zu mischen – ein bisschen Ultramarinblau mit Siena Natur – bekamen die Baumkronen diese Tiefe, die ich draußen im Park so bewundere. Es ist faszinierend, wie zwei Farben, die für sich genommen gar nicht nach Wald aussehen, zusammen diese Magie erzeugen.

Der 15. März oder: Wenn das Indigo-Blau übernimmt

Ich bin ja eigentlich ein geduldiger Mensch. Man braucht viel Geduld, wenn man Erstklässlern das Alphabet beibringt. Aber beim Malen verlässt sie mich manchmal. Am 15. März war so ein Moment. Ich hatte gerade eine wunderschöne, sonnengelbe Krone für eine herbstliche Buche angelegt. Ich war richtig stolz. Dann wollte ich nur einen winzigen Akzent im Schatten setzen. Ein dicker Tropfen Indigo-Blau klatschte mitten in das feuchte Gelb und breitete sich wie ein Tintenfleck aus.

"Ach, Renate!", habe ich laut in die stille Küche gerufen. Mein Enkel, der übers Wochenende bei mir war und im Wohnzimmer schon wach wurde, kam schlaftrunken an die Tür und fragte, was passiert sei. Ich zeigte ihm das Malheur. Er schaute kurz drauf und sagte: "Oma, das sieht aus wie ein Vogel, der im Schatten sitzt." Recht hatte er. Ich habe gelernt, dass im Aquarell Fehler oft nur ungenutzte Möglichkeiten sind. Aber an diesem Morgen musste ich erst mal tief durchatmen und mir einen zweiten Kaffee einschenken. In solchen Momenten merke ich, dass ich ein neues Hobby mit 50 plus finden wollte, das mich fordert – und das tut es definitiv.

Das Geheimnis der Baumkronen: Weniger ist mehr

Einer meiner größten Fehler am Anfang war das Vorzeichnen. Ich dachte, ich müsste jedes Astloch und jede Verzweigung mit dem Bleistift festlegen. Aber wisst ihr was? Das nimmt dem Aquarell die ganze Luft zum Atmen. Bei DrawTuts hatte ich nach Lektion 3 pausiert, weil sich der Bleistift für mich einfach falsch anfühlte. Er war so endgültig, so hart.

Mein heutiger Tipp für alle, die wie ich gerade erst anfangen: Vergiss das detaillierte Vorzeichnen. Wer Bäume in Aquarell wirklich lebendig wirken lassen will, muss den Pinsel ohne Skizze direkt ins Wasser führen. Ich fange jetzt oft mit ganz hellen, wässrigen Farbflächen an und lasse sie ineinanderlaufen. Die Struktur des Baumes entsteht erst später. Es ist ein bisschen wie im Leben nach der Pensionierung: Man muss lernen, die Kontrolle ein Stück weit abzugeben und zu schauen, wohin das Wasser einen trägt.

Dabei ist mir aufgefallen, wie wichtig das richtige Papier ist. Ich benutze mittlerweile nur noch 300g/m² schweres Papier. Alles andere wellt sich sofort, wenn man mit viel Wasser arbeitet, um diese weichen Übergänge in der Baumkrone hinzubekommen. Es gibt nichts Frustrierenderes, als wenn die Farbe in den Tälern des gewellten Papiers Pfützen bildet, wo sie eigentlich gar nicht hin soll.

Die Werkzeuge einer Anfängerin

Man braucht gar nicht viel. Ich habe in diesen acht Wochen eigentlich nur zwei Pinsel benutzt. Einen Rundpinsel in Größe 8 für die großen Massen der Krone und einen sogenannten Schlepperpinsel (oder Rigger) für die feinen Äste. Dieser Schlepper ist ein kleines Wunderding. Er hat ganz lange Haare und erlaubt es einem, Linien zu ziehen, die so unregelmäßig und natürlich wirken, wie es ein normaler Pinsel nie könnte.

Es gibt da diesen einen sensorischen Moment, den ich fast jede Woche erlebe: Das leise Kratzen der Metallzwinge des Pinsels auf dem rauen Papier, wenn ich zu wenig Wasser für die Rindenstruktur verwende. Es ist ein trockenes, fast sprödes Geräusch. Am Anfang dachte ich, das sei ein Fehler, aber jetzt weiß ich, dass diese 'Trockenpinsel-Technik' genau das ist, was die Rinde eines alten Baumes so echt wirken lässt. Man darf nur nicht zu fest aufdrücken – ganz zart, wie man über die Wange eines Kindes streicht.

Der Durchbruch am Ostersonntag

Mein schönster Moment war der Ostersonntag, der 5. April. Die Sonne schien schon früh durch mein Küchenfenster, und ich hatte endlich verstanden, was man unter 'Negativ-Malerei' versteht. Ich habe nicht nur den Baum gemalt, sondern auch die Lücken zwischen den Ästen. Ich habe den blauen Himmel durch das Geäst scheinen lassen, indem ich Stellen weiß gelassen oder nur ganz hell lasiert habe.

Plötzlich wirkte der Baum nicht mehr wie ein massiver Klotz, sondern er atmete. Er hatte Licht in sich. Das war der Moment, in dem ich dachte: 'Ja, dafür stehst du jeden Sonntag um sieben Uhr auf.' Es ist ein kleiner Sieg gegen die eigene Ungeduld. Ich habe früher den Sonntag, der nach Stille schmeckte, oft als etwas bedrohlich empfunden, weil die Struktur der Schulwoche fehlte. Heute ist diese Stille mein bester Freund beim Malen.

Wenn ich jetzt auf meine Galerie der neun Wochen blicke, sehe ich eine deutliche Entwicklung. Die Bäume sind immer noch nicht perfekt. Manche Stämme sind zu dick, manche Kronen wirken immer noch ein bisschen wie Brokkoli. Aber sie haben Charakter. Sie erzählen von meinen Sonntagmorgen, vom Duft des Kaffees und von der Freude daran, einfach mal nichts leisten zu müssen.

Vielleicht hast du ja auch Lust, es mal zu versuchen? Such dir einen Baum in deiner Nähe, schau ihn dir genau an – nicht als Lehrerin oder als Kritikerin, sondern einfach als jemand, der staunen kann. Und dann nimm den Pinsel und fang einfach an. Ohne Vorzeichnen. Nur du, das Wasser und die Farbe. Es muss kein Meisterwerk werden. Es muss sich nur richtig anfühlen.

Verwandte Artikel