
Früh am Sonntagmorgen, wenn die Sonne gerade erst über die Dächer von Würzburg blinzelt, ist meine liebste Zeit. Der Kaffee dampft in der Tasse, das Küchenfenster steht einen Spalt weit offen, und ich höre das erste zaghafte Zwitschern der Vögel im Hinterhof. Seit ich im Juli 2024 nach 35 Jahren an der Grundschule das Klassenbuch endgültig zugeklappt habe, sind diese zwei Stunden – bevor die Stadt richtig wach wird – mein ganz persönliches Refugium geworden. Auf dem Tisch liegt mein Aquarellpapier, und heute möchte ich versuchen, das zarte Rosa der Kirschblüten einzufangen, die ich gestern beim Spaziergang am Main gesehen habe.
Ich bin keine Künstlerin. Ich habe Deutsch und Sachunterricht unterrichtet, nicht Kunst. Aber mit 58 Jahren habe ich gemerkt, dass es nie zu spät ist, wieder zur Schülerin zu werden. Am Anfang war die Stille im Haus fast erdrückend, doch jetzt fülle ich sie mit Farben. Wenn du dich fragst, wie man als absoluter Anfänger ohne Vorkenntnisse an Blumen herangeht, kann ich dir nur eines sagen: Hab Geduld mit dir selbst. Das war die schwerste Lektion für mich, die ich sonst immer diejenige war, die anderen Geduld beigebracht hat.
Der Abschied von der strengen Linie

In meinen ersten Wochen im Herbst 2024 dachte ich noch, ich müsste alles perfekt kontrollieren. Ich nahm den Bleistift und zeichnete jede Blüte haarklein vor. Aber weißt du, was passierte? Die Bilder sahen verkrampft aus. Sie hatten nichts von der Leichtigkeit, die ich so an der Aquarellmalerei bewundere. Es fühlte sich an wie ein starres Arbeitsblatt. Bei DrawTuts hatte ich deshalb nach Lektion 3 pausiert, weil der Bleistift sich für mich einfach zu streng anfühlte. Er ließ dem Wasser keinen Raum zum Atmen.
Mein wichtigster Rat für den Start: Trau dich, den Bleistift wegzulegen. Ich fange heute oft nur mit einem ganz hellen, wässrigen Farbfleck an. Ich nenne das meine Suchbewegung. Ich lasse den Pinsel tanzen und schaue, wo die Blüte hin möchte. Das nimmt den Druck, dass jede Linie sofort stimmen muss. Es ist eine Kreative Beschäftigung für Rentner zu Hause: Warum ich jetzt Aquarell male, die mich gelehrt hat, dass Fehler oft die schönsten Stellen im Bild sind. Wenn aus einer Rose plötzlich eine etwas zu dicke Pfingstrose wird, dann ist das eben so.
Warum meine Blumen im Winter wie Kohlköpfe aussahnen
Ich bin ehrlich zu dir: Nicht jeder Sonntag ist ein Erfolg. Im vergangenen Spätwinter hatte ich eine Phase, da sahen meine Blumenversuche eher nach verwaschenen Kohlköpfen aus als nach zarten Blüten. Ich war einfach zu ungeduldig. Aquarellfarben brauchen Zeit zum Trocknen. Wenn man zu schnell die nächste Farbschicht aufträgt, fließt alles ineinander und man verliert die Form. Das ist mir in Woche 12 meiner Reise ständig passiert.
An einem dieser Vormittage passierte mir ein Missgeschick: Ein Tropfen kalter Kaffee landete mitten in meiner nassen Blüte. Zuerst wollte ich das Blatt zerknüllen, aber dann erinnerte ich mich an meine Zeit in der Schule – Unfälle sind oft die besten Lernmomente. Ich habe den Kaffeefleck mit dem Pinsel vorsichtig verteilt, und plötzlich hatte die Blume eine Tiefe und einen Schatten, den ich mit Absicht nie so hinbekommen hätte. Inzwischen habe ich gelernt, dass man mit der Aquarell Nass-in-Nass Technik am Küchentisch wunderbar spielen kann, wenn man lernt, das Wasser ein bisschen zu bändigen.
Die Sache mit der Ausrüstung am Küchentisch

Man braucht kein teures Atelier, um anzufangen. Mein Küchentisch reicht völlig aus. Aber was ich gelernt habe: Das Papier macht den Unterschied. Am Anfang habe ich auf dünnem Blockpapier gemalt, das sich sofort gewellt hat wie eine alte Landkarte. Heute benutze ich kräftiges 300-Gramm-Papier. Es hält die Pfützen aus, die ich manchmal produziere. Und ich benutze immer zwei Gläser mit Wasser – eines zum Reinigen des Pinsels und eines mit ganz sauberem Wasser zum Mischen der Farben.
Es ist erstaunlich, wie viel Ruhe man in diesen kleinen Handgriffen findet. Das leise Klirren der Pinselzwinge am Glasrand ist für mich mittlerweile wie Meditation. Wenn ich dann merke, dass das Werkzeug gut in der Hand liegt, macht es doppelt Freude. Ich habe neulich erst darüber nachgedacht, warum gute Aquarellpinsel für Anfänger am Sonntagmorgen den Unterschied machen, weil sie das Wasser einfach viel schöner halten und man nicht ständig absetzen muss.
Das Leuchten durch Weglassen
Ein großer Aha-Moment kam für mich Anfang des Frühlings. Ich entdeckte, dass man Blumen oft gar nicht malen muss, indem man sie anmalt, sondern indem man den Hintergrund betont. Man lässt die Blüte weiß oder ganz hell und setzt drumherum dunklere Farbtupfer. Das nennt man wohl Negativmalerei, aber für mich ist es einfach nur Zauberei. Plötzlich fängt das Papier an zu leuchten.
Aquarellfarben sind kleine Betrüger. Wenn sie nass sind, wirken sie kräftig und dunkel, aber sobald sie trocknen, verlieren sie fast die Hälfte ihrer Intensität. Das habe ich auf die harte Tour gelernt, als meine leuchtend roten Mohnblumen nach dem Frühstück nur noch blassrosa waren. Man muss also mutiger sein mit der Farbe, als man sich am Anfang traut. Es ist ein bisschen wie im Leben mit 50 plus: Man darf ruhig etwas dicker auftragen.
Ein Blick in mein Reisetagebuch

Morgen fahre ich wieder zu meiner Tochter nach Heidelberg. Mein kleiner Aquarellkasten kommt natürlich mit. Ich habe mir extra einen Videokurs für Reiseskizzen gegönnt, um im Zug oder im Café dort kleine Blümchen in mein Tagebuch zu malen. Es sind keine Meisterwerke, und meine ehemalige Kunstkollegin würde wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie meine Perspektiven sähe. Aber das ist mir gleich.
Neulich war mein Enkel zu Besuch und schaute mir über die Schulter. Er tippte auf eine meiner misslungenen Lasur-Blumen und sagte: „Oma, die Blume sieht aus, als würde sie tanzen.“ Das war das schönste Kompliment, das ich je bekommen habe. Es hat mich daran erinnert, warum ich das alles mache. Nicht für eine Ausstellung, nicht für ein perfektes Ergebnis, sondern für diesen einen Moment am Sonntagmorgen, in dem die Welt nur aus Wasser, Pigmenten und ein bisschen Mut besteht. Wenn du also noch zögerst: Fang einfach an. Die Blumen wachsen von ganz allein auf dem Papier, wenn du ihnen nur den Raum und die Zeit lässt.