Aquarell Sonntag

Wie ich lerne Aquarell Blumen einfach zu malen ohne Vorkenntnisse

Der Nebel über dem Main und mein erstes Gelb

Es ist kurz nach sieben an diesem Sonntag im April 2026. Draußen hängt der Nebel zäh über dem Main, fast so, als hätte jemand eine zu dicke Lasur über ganz Würzburg gelegt. In meiner Küche ist es still, nur das leise Gluckern der Kaffeemaschine begleitet mich. Ich sitze an meinem Platz am Fenster, das Aquarellpapier liegt bereit, und ich merke, wie sich die Anspannung der Woche löst. Seit ich im Juli 2024 nach 35 Jahren an der Grundschule aufgehört habe, sind diese zwei Stunden – von 7 bis 9 Uhr – mein heiligstes Ritual geworden.

Heute möchte ich dir erzählen, wie ich angefangen habe, Blumen zu malen. Nicht als Künstlerin, sondern als jemand, der früher Deutsch und Sachunterricht unterrichtet hat und jetzt selbst wieder lernen muss, geduldig mit sich zu sein. Am Anfang dachte ich, ich müsste jede Tulpe und jede Rose perfekt mit dem Bleistift vorzeichnen. Ich dachte, die Linie gibt mir Sicherheit. Aber weißt du, was passiert ist? Die Blumen sahen aus wie ausgemalt, steif und leblos. Wie ein Arbeitsblatt, das ich früher meinen Zweitklässlern kopiert hätte.

Der Mut zum Weglassen – Warum der Bleistift in der Schublade bleibt

Mein wichtigster Rat an dich, wenn du auch gerade erst anfängst: Lass den Bleistift weg. Ich weiß, das klingt beängstigend. Mir ging es genauso. Ich hatte bei DrawTuts nach Lektion 3 pausiert, weil sich der Bleistift für mich einfach falsch anfühlte. Er war zu streng. In Woche 12 meiner Reise habe ich beschlossen, die Blumen direkt mit dem Pinsel zu "formen".

Anstatt eine Kontur zu ziehen, fange ich mit einem sehr hellen, wässrigen Farbfleck an. Ich nenne es meine "Suchbewegung". Wenn du direkt mit der Farbe startest, zwingst du dich dazu, lockerer zu werden. Du malst nicht mehr eine Blume, sondern du spielst mit Licht und Schatten. Das ist am Anfang ungewohnt, aber es nimmt den Druck, dass alles sofort perfekt sein muss. Wenn der Fleck nicht nach Rose aussieht, dann wird er eben eine abstrakte Pfingstrose. Das ist die Freiheit, die ich im Sonntag, der nach Stille schmeckte, erst mühsam suchen musste.

Die Sache mit den Kohlköpfen im Februar

Ich bin ehrlich zu dir: Es klappt nicht immer. Im Februar 2026 hatte ich eine Phase, da sahen meine Versuche eher nach verwaschenen Kohlköpfen aus als nach zarten Blüten. Ich hatte einfach keine Geduld für die Trocknungszeiten. Aquarell verzeiht keine Hektik. Wenn du eine neue Schicht auf das nasse Papier legst, bevor die erste trocken ist, fließt alles ineinander. Das kann wunderschön sein (Nass-in-Nass), aber bei Blumen führt es oft dazu, dass die Form verloren geht.

An einem dieser Sonntage war ich so frustriert, dass ich fast den Pinsel hingeworfen hätte. Und dann passierte es: Ein dicker Tropfen kalter Kaffee klatschte mitten in meine lasierte Pfingstrose. Ich starrte ihn an, atmete tief durch – man lernt ja als Lehrerin, bei Unfällen ruhig zu bleiben – und beschloss, ihn einfach als dunklen Schatten im Inneren der Blüte zu tarnen. Heute ist das eines meiner Lieblingsbilder, weil es mich daran erinnert, dass Fehler oft den Charakter eines Bildes ausmachen.

Meine kleine Statistik der 22 Sonntage

Seit November 2025 führe ich dieses kleine Tagebuch meiner Fortschritte. Wenn ich zurückblicke, kommen da doch einige Zahlen zusammen, die mich selbst zum Schmunzeln bringen. Es ist erstaunlich, was passiert, wenn man einfach nur konsequent jeden Sonntag zwei Stunden investiert.

Es ist ein langsamer Prozess. Ich merke oft das leise, fast meditative Kratzen der Pinselzwinge am Glasrand, während draußen die ersten Vögel im Würzburger Hinterhof zwitschern. Es ist ein Geräusch, das ich früher nie wahrgenommen hätte, weil mein Kopf schon bei der ersten Unterrichtsstunde war.

Der Durchbruch: Das Leuchten durch Weglassen

Im März 2026 hatte ich einen kleinen Durchbruch. Ich habe die sogenannte Negativmalerei für mich entdeckt. Dabei malst du nicht die Blume selbst dunkler, sondern den Raum um sie herum. Dadurch fängt die Blüte plötzlich an zu leuchten, ohne dass du viel Farbe aufgetragen hast. Es ist ein bisschen wie in der Schule: Manchmal ist das, was man nicht sagt, wichtiger als die große Erklärung.

Aquarellfarben sind tückisch, weil sie im nassen Zustand sehr kräftig wirken, aber beim Trocknen bis zu 50% ihrer Intensität verlieren. Das habe ich in Woche 18 schmerzhaft gelernt, als meine leuchtend roten Mohnblumen nach dem Frühstück nur noch blassrosa waren. Man muss also mutiger sein mit der Pigmentmenge, als man sich am Anfang traut. Falls du dich fragst, womit ich eigentlich angefangen habe, kannst du in meinem Text über meine ersten Aquarellfarben für Anfänger nachlesen, wie bescheiden mein Küchentisch anfangs aussah.

Ein Blick nach vorn

Morgen fahre ich zu meiner Tochter nach Heidelberg. Ich habe mir extra einen kleinen Skizzen-Videokurs gegönnt, um im Zug oder im Café dort kleine Blümchen in mein Reisetagebuch zu malen. Mein Skizzenbuch ist sicher kein Meisterwerk, und wenn meine ehemalige Kunstkollegin es sehen würde, fände sie bestimmt ein Dutzend Fehler in der Perspektive oder im Farbauftrag. Aber das ist mir egal.

Mein Enkel war neulich zu Besuch und sagte: "Oma, die Blume sieht aus, als würde sie tanzen." Das war das schönste Kompliment, das ich je bekommen habe. Es zeigt mir, dass man mit 58 Jahren noch einmal ganz von vorn anfangen kann. Ohne Lehrplan, ohne Klassenbuch, einfach nur mit einem Pinsel, viel Wasser und der Erlaubnis, auch mal zu scheitern. Wenn du also vor deinem weißen Blatt sitzt: Fang einfach an. Die Blumen wachsen von ganz allein, wenn du ihnen den Raum lässt.

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