
Vierzig Minuten für eine einzige Tulpe – jedes Blütenblatt erst vorgezeichnet, dann vorsichtig ausgemalt. Daneben liegt eine zweite Tulpe, in kaum fünf Minuten hingetupft, und ausgerechnet die wirkt lebendiger. Um genau diesen Gegensatz dreht sich beim Aquarell für Anfänger fast alles: Soll man Blumen malen, indem man jede Linie im Griff hat, oder indem man die Farbe machen lässt? Für mein liebstes Hobby im Ruhestand habe ich darauf eine klare Antwort, und die schnelle Tulpe hat sie mir verraten.
Die kurze Version vorweg: Wer ohne Vorkenntnisse anfängt, kommt mit dem lockeren Weg meist schneller zu einer Blume, die atmet. Der genaue Weg hat trotzdem seinen Platz. Es hängt davon ab, was die Blüte werden soll – und das lässt sich vor dem ersten Strich entscheiden.
Zwei Wege zur selben Blüte
Der kontrollierte Weg fühlt sich zuerst sicher an. Du nimmst den Bleistift, zeichnest die Umrisse vor und füllst sie danach aus. Man weiß immer, wo man gerade ist. Diesen Sonntag habe ich es wieder so gemacht – und die Tulpe geriet steif, fast wie aus Blech gestanzt. Alles saß an seinem Platz, und gerade deshalb hatte nichts von der Leichtigkeit, die ich an der Aquarellmalerei so mag. Die harte Linie lässt dem Wasser keinen Raum zum Atmen.
Falsch ist dieser Weg nicht. Für eine bestimmte Blume, die jemand wiedererkennen soll, hilft die feste Form sehr. Nur zahlt man einen Preis dafür: Jeder Patzer fällt sofort ins Auge, und der Druck, dass jede Linie gleich sitzen muss, nimmt einem die Freude. Fehler gehören beim Anfangen aber dazu – oft sind sie sogar die Stelle, an der ein Bild plötzlich interessant wird.
Das macht die schnelle Blume lebendiger

Beim lockeren Weg bleibt der Bleistift liegen. Ich setze einen hellen, wässrigen Farbfleck aufs Papier und schaue, wohin die Blüte will – eine Suchbewegung, kein Fehler. Weil das Wasser einen Teil der Arbeit übernimmt, muss nicht jede Linie von mir kommen, und genau das nimmt den Druck heraus. Mit der Aquarell Nass-in-Nass Technik am Küchentisch formt sich eine Blüte fast von allein, wenn man das Wasser nur ein wenig lenkt.
Elfrun, die ich aus einem Aquarell-Nachmittag im Gemeindehaus kenne, malt viel schneller und lockerer als ich. Während ich noch an meiner ersten Blüte feile, hat sie längst drei aufs Blatt geworfen – und ihre sehen aus, als würden sie sich im Wind wiegen. Lange hielt ich das für Übermut. Es ist eher Vertrauen: Sie lässt der Farbe einfach ihren Lauf.
Vor dem ersten Strich entscheiden

Bevor der Pinsel das Papier berührt, stelle ich mir eine einzige Frage: Soll das Bild eine bestimmte Blume zeigen, die jemand wiedererkennt, oder einfach eine schöne Blüte sein? Geht es ums Wiedererkennen – eine Tulpe für meine Tochter, eine Blume aus dem Garten, die genau die sein soll –, dann lohnt der genaue Weg. Geht es mir nur um den Sonntag und die Freude an der Farbe, nehme ich den lockeren. Weiche, vielblättrige Blüten wie Pfingstrosen oder Mohn verzeihen die lockere Hand ohnehin am meisten.
Zwei Dinge prüfe ich noch, egal welchen Weg ich wähle. Auf dünnem Papier wellt sich bei viel Wasser alles, auf einem kräftigeren Blatt bleibt es ruhig – mehr muss man am Anfang dazu nicht wissen. Und ich stelle zwei Gläser hin, eines zum Auswaschen, eines mit sauberem Wasser zum Mischen, damit die Farben klar bleiben. Wer später mehr Tiefe ins Bild bringen will, arbeitet mit mehreren dünnen Schichten übereinander – aber das ist eine eigene Geschichte.
Auch der Pinsel entscheidet mit. An anderer Stelle habe ich notiert, warum gute Aquarellpinsel für Anfänger am Sonntagmorgen den Unterschied machen – ein Pinsel, der das Wasser gut hält, macht gerade den lockeren Weg spürbar leichter.
Ein Nachmittag im Botanischen Garten
Meine besten Blüten kommen selten aus dem Kopf. Im Botanischen Garten der Universität Würzburg bleibe ich oft vor einer einzelnen Pflanze stehen und schaue sie nur an, bevor ich sie später am Tisch aus der Erinnerung male.
Neulich hielt die Nachbarin im Hausflur eines meiner getrockneten Blätter in der Hand und sagte sofort, das sei doch die blühende Kastanie aus dem Botanischen Garten – dass sie es erkannte, ohne dass ich ein Wort dazu sagen musste, hat mich mehr gefreut als jedes gelungene Blütenblatt.
Aufgeschrieben habe ich diese Sonntage immer, doch ein Tagebuch nur mit Worten, ohne ein Bild dazu, hat bei mir nie lange gehalten. Erst das gemalte Blatt neben dem Eintrag lässt mich dranbleiben – dieser feste Sonntagvormittag ist mein Anker geworden. Es ist eine Kreative Beschäftigung für Rentner zu Hause: Warum ich jetzt Aquarell male, die aus einer viel zu stillen Wohnung wieder einen Ort mit Farbe gemacht hat.

Die Entscheidung ist am Ende schlicht. Willst du eine bestimmte Blume festhalten, die genau so aussehen soll, dann zeichne vor und arbeite ruhig. Geht es dir vor allem um den Sonntag und darum, der Farbe zuzusehen, wie sie eine Blüte findet, dann leg den Bleistift weg und tupf drauflos. Ohne Vorkenntnisse würde ich fast immer mit dem zweiten anfangen – er verzeiht mehr, und er macht schneller Lust auf das nächste Blatt.