
Man meint oft, dass man zum Aquarellieren unbedingt einen ruhigen Tisch, gutes Licht und eine ganze freie Stunde braucht, dass Reiseskizzen etwas für junge Kunststudenten mit sicherer Hand sind, und ganz sicher nichts für eine Aquarell-Anfängerin, die das Malen erst als Ruhestand-Hobby entdeckt hat. Diese Fragen habe ich mir selbst lange gestellt, während der ICE mich an einem Sonntagvormittag nach Heidelberg trägt.
Die kurze Antwort lautet: nein. Man braucht weder den stillen Tisch noch die ruhige Hand. Der schaukelnde Zug macht ein Aquarell nicht kaputt — kaputt macht es nur die Erwartung, dass am Ende ein fertiges Gemälde herauskommen muss. Genau dieser Irrtum hält die meisten vom Anfangen ab.
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Der große Irrtum: Aquarell braucht Ruhe
Viele glauben, Aquarell sei etwas für stille Stunden, für den aufgeräumten Tisch, an dem nichts wackelt. Dieser Gedanke kostet mehr Anfängerinnen den Mut als jede zittrige Hand. Und er stimmt einfach nicht.
Kaum ist der ICE aus Würzburg heraus, liegt die Festung Marienberg noch einmal auf ihrem Hügel im Fenster, bevor die Felder kommen. Schon dieser eine Blick reicht für ein paar Schatten im Buch. Nicht die Ruhe macht die Skizze, der Blick macht sie. Wer darauf wartet, dass alles stillsteht und perfekt ist, fängt nie an.
Es hatte auch andere Versuche gegeben, die weniger gut passten. Einen Online-Kurs für Ölmalerei zum Beispiel — den ließ ich schnell wieder sein, weil mir der Geruch und die endlose Trockenzeit einfach zu viel wurden. Die Sicherheit, mit der ich heute den Pinsel ansetze, habe ich mir zu Hause geholt, unter anderem mit meinen Timothy90s Aquarell Online Kurs Erfahrungen. Aber der Zug ist eine eigene Schule der Geduld, und bevor ich eine Skizze für misslungen erkläre, stelle ich mir nur eine Frage: Bringt sie den Moment zurück, in dem ich sie gemalt habe? Wenn ja, hat sie ihren Zweck erfüllt — auch bei krummen Linien.

Was muss beim ICE Malen wirklich mit?
In mein Gepäck kommt weniger, als man denkt. Der große Farbkasten bleibt zu Hause. Auf den Klapptisch von Platz 62 passen nur ein kleines Set, ein Wassertankpinsel und ein Buch, das nicht verrutscht. Beim Papier bin ich wählerisch geworden. An anderer Stelle habe ich aufgeschrieben, welches Aquarellpapier für Anfänger wirklich taugt; im Zug nehme ich nur festes Papier in Buchform, damit nichts wegfliegt, wenn jemand die Wagentür aufschiebt. Weil man unterwegs gern nass in nass arbeitet, verzeiht so ein festes Blatt auch mal einen Tropfen zu viel.
Für unterwegs habe ich mir außerdem den Skizzen Video-Kurs [Reisebegleiter] gegönnt — der günstigste Kurs, den ich mir bisher geleistet habe. Kurze Video-Impulse, kein strenger Lehrplan wie früher in der Schule. Man pickt sich eine Idee heraus — wie deute ich eine Baumkrone mit ein paar Strichen an? — und probiert sie aus, während draußen die echten Bäume Modell stehen.
Als die Pappel zum grünen Klecks wurde
Man muss über sich selbst lachen können. Auf einer der Fahrten sah ich eine einsame Pappel auf einem Feld und setzte hochmotiviert an. Kurz vor dem ersten Strich spürte ich das satte Gewicht des vollgesogenen Wassertankpinsels an meinem Zeigefinger — dieser winzige Moment, in dem noch alles möglich ist. Und genau da fuhr der ICE über eine Weiche. Der Pinsel machte einen Satz nach oben, aus der stolzen Pappel wurde ein grüner Klecks, der eher an einen zerdrückten Spinatfleck erinnerte.
Solche Kleckse sind der beste Beweis, dass der Irrtum vom ruhigen Tisch wirklich ein Irrtum ist. Früher wäre das Blatt wütend herausgerissen worden. Heute bleibt es im Buch, weil es das Ruckeln und das Licht dieses Vormittags festhält, wie kein sauberes Bild es könnte.
Wenn der Wagen schaukelt, werden die Formen kleiner, die Striche kürzer, und die zittrige Linie lasse ich stehen, statt sie zu retten. Über das Bäume malen mit Aquarell habe ich an anderer Stelle schon gestanden, dass die Natur und ich noch unsere Kämpfe austragen. Im Zug darf sie skizzenhaft bleiben, da ist ein Klecks kein Fehler, sondern ein Tagebucheintrag in Farbe.

Die Frau gegenüber, die glaubte, es sei zu spät
Das Schönste am Malen unterwegs sind die Begegnungen. Auf einer Fahrt saß mir eine ältere Dame gegenüber und sah mir lange zu, wie ich die Silhouette der Heidelberger Altstadt versuchte, sehr vereinfacht, fast nur Schatten. Irgendwann sagte sie leise: „Das habe ich als Kind auch gemacht. Ich wünschte, ich hätte den Mut, noch einmal anzufangen."
Genau in diesem Satz steckt der eigentliche Irrtum. Nicht die Hände sind zu alt, nicht die Zeit ist zu knapp — es ist das kleine Wort „zu spät", das den Pinsel im Schrank hält. Die halbe restliche Fahrt haben wir geredet, nicht über Technik, sondern übers Anfangen. Ein Skizzenbuch ist wie ein kleiner Schlüssel zu den Menschen: Wer aufs Handy starrt, bleibt allein; wer malt, lädt die Welt ein, kurz zuzuschauen. Neulich wartete sogar der Schaffner lächelnd, bis ich den Pinsel abgelegt hatte. „Schöne Farben", meinte er nur.
Meiner alten Schulfreundin Trudel in München schicke ich abends manchmal ein Foto vom Blatt des Tages. Sie kennt mich noch aus einer Zeit, in der ich weder Lehrerin noch sonst etwas „Richtiges" war — einfach ein Mädchen, das an den Rand seiner Hefte malte. „Siehst du", schrieb sie neulich zurück, „das war doch immer schon in dir."
Warum kleine Impulse den großen Kurs schlagen
Menschen zeichnen wollte ich auch lernen, aber den großen Kurs dazu habe ich erst einmal auf unbestimmte Zeit pausiert. Zu viel Disziplin, zu viel Anatomie — schon nach den ersten Lektionen habe ich gemerkt, dass ich nach einem langen Berufsleben nicht schon wieder büffeln wollte. Der Skizzen Video-Kurs [Reisebegleiter] ist das Gegenteil: eine kurze Idee, sofort ausprobiert. Keinen roten Faden, der einen antreibt, und genau das brauche ich im Zug.
Wenn du also glaubst, zum Malen brauche es Ruhe, Talent und ein Atelier, dann pack lieber einen kleinen Kasten und einen Wassertankpinsel ein und setz dich in den Zug. Die Regel ist einfach: Frag nicht, ob das Bild fertig ist — frag, ob es den Moment festhält. In Heidelberg drückt mich meine Tochter am Bahnsteig, und später, im Garten, zeige ich die noch feuchten Blätter herum. Als mein Enkel neulich auf eine Skizze deutete und ganz ernst fand, das sei ja ein echtes Bild geworden, so eines wie an der Wand im Flur, musste ich lächeln. Kein Meisterwerk. Neunzig Minuten gelebte Zeit — mehr wert als jede korrigierte Klassenarbeit. Und nächsten Sonntag sitze ich wieder zu Hause über dem Aquarellblock, während mich die krumme Pappel daran erinnert, dass das Leben auch mit Ende fünfzig jeden Tag eine neue, bunte Überraschung bereithält.