
Zwei Blautöne, einer über dem anderen, und trotzdem muss der obere warten, bis der untere ganz im Papier sitzt. Genau da liegt beim Schichten lernen der Kern, den ich mir am Küchentisch selbst beigebracht habe: Tiefe kommt nicht von mehr Farbe, sondern von der Ruhe zwischen den Lagen. Diese kleine Aquarelltechnik ist der Grund, warum ich sonntags in mein kreatives Tagebuch übers Malen im Ruhestand immer wieder dasselbe schreibe — was funktioniert hat und was nicht. Die erste ehrliche Antwort gleich vorweg: getrocknete Aquarellfarbe wirkt heller als die nasse, also plane das lieber ein, statt dich hinterher zu wundern.
Heidlinde, eine Leserin, hat mir diese Woche nur einen einzigen Satz geschrieben: „Warum wird mein Grün beim Schichten immer so matschig?" Kein langer Vorlauf, kein Drumherum — so ist sie. Und ihre Frage trifft genau die Stelle, an der ich am längsten festgehangen habe.
Schichten lernen heißt vor allem: warten
Das Geheimnis beim Lasieren ist unspektakulärer, als man denkt. Jede Schicht muss knochentrocken sein, bevor die nächste kommt. Aquarellfarben sind durchsichtig, und nur wenn die untere Lage fest im Papier sitzt, kann die obere ihre Leuchtkraft zeigen, ohne alles in Matsch zu verwandeln. Das ist etwas ganz anderes als nass-in-nass, wo man die Farben absichtlich ineinanderlaufen lässt — aber das ist eine andere Geschichte.

Gehört hatte ich das schon in Woche 4 mit dem Timothy90s Aquarell Online Kurs — aber Theorie und der eigene Küchentisch sind zweierlei. Auf dem Bildschirm sieht Warten leicht aus. In der Hand, mit dem geladenen Pinsel und der Lust, endlich den Schatten zu setzen, ist es das Schwerste überhaupt. Falls du dich fragst, welches Aquarellpapier für Anfänger sich fürs Schichten eignet, das habe ich an anderer Stelle aufgeschrieben; hier bleibe ich beim Warten und beim Ton.
Warum das Grün beim Trocknen blässer wirkt
Das ist die Antwort auf Heidlindes Frage, und mein wichtigster Merksatz überhaupt. Diesen Sonntag hatte ich ein Grün gemischt, das nass richtig satt aussah. Ein kleiner Wald sollte daraus werden, mit einem dunklen Schatten darunter. Getrocknet war die Farbe dann viel blässer, der Schatten wirkte flach, das ganze Blatt ein bisschen kraftlos. Das ist bei Heidlinde „matschig" und bei mir „zu vorsichtig" — am Ende dasselbe Problem.
Diesen Helligkeitsverlust kann man nicht verhindern, nur einplanen. Seitdem mische ich die nächste Lasur einen Tick kräftiger, als sie am Ende wirken soll, und ich beurteile den Ton grundsätzlich erst, wenn die Schicht trocken ist — nie im nassen Zustand. Lieber lege ich ein paar hauchdünne Lagen übereinander, als einmal dick draufzugehen. So bleibt die Kontrolle bei mir und nicht bei der Pfütze.

Dunkle Untermalung für mehr Tiefe
Etwas, das gegen fast jedes Einsteigerheft spricht, hat bei mir am meisten verändert: bewusst mit einer dunklen Stelle zu beginnen, statt brav von hell nach dunkel. Diese dunklen Bereiche, später von helleren, durchscheinenden Lagen überzogen, geben dem Bild einen Raum, den ich vorher nie hinbekommen habe. Erst durch den Kontrast werden die hellen Stellen richtig hell.
Beim Schichten hilft mir, an die einfachen Farben zu denken — Gelb, Rot, Blau. Ein zartes Blau über einem getrockneten Gelb ergibt ein Grün, das viel lebendiger ist als jedes fertige Grün aus dem Napf. Man mischt sozusagen auf dem Papier, nicht in der Palette. Sobald man das einmal gesehen hat, verliert man die Angst, etwas zu „verschmutzen".

Farbfelder üben, wo man gerade wartet
Neulich saß ich in der Wartehalle im Würzburger Hauptbahnhof, der Zug zu meiner Tochter nach Heidelberg hatte Verspätung. Statt mich zu ärgern, habe ich kleine Farbfelder übereinandergelegt, nur um zu sehen, wie sich die Töne beim Trocknen verschieben. Ein paar Minuten Warten sind auf einmal geschenkt, wenn man ein Blöckchen dabeihat.
Um die achte Woche herum, als ich ein frisches Farbkästchen aufklappte, fiel mir etwas auf, das gar nichts mit Malen zu tun hatte: Meine Finger blieben ruhig. Vor dem Aquarell hatte ich es mit einem Töpferkurs versucht, aber für den Ton waren meine Hände einfach zu unruhig. Beim Schichten, bei diesem ständigen Warten, haben sie das Zittern verlernt.
Misslingt ein Blatt, ist es eben eine Erfahrung mehr — kein Grund, sich zu ärgern. Die eine Sache, die du wirklich mitnehmen kannst: Lass jede Schicht ganz trocknen und rechne fest damit, dass sie heller aufklart, als du sie nass siehst. Wer das einplant, malt nicht mehr gegen die Farbe an, sondern mit ihr. Und dann kommt die Tiefe fast von allein.