
Draußen vor dem Fenster in Würzburg zwitschern die Vögel gegen die morgendliche Stille an, und ich sitze hier mit meiner zweiten Tasse Kaffee. Das Fenster ist einen Spalt offen, die kühle Morgenluft mischt sich mit dem Duft von frisch gerösteten Bohnen. Vor mir liegt ein weißes Blatt Papier, noch völlig unschuldig. Ich tauche den Pinsel ins Wasser, und dieses leise Klacken des Pinsels am Rand des alten Marmeladenglases klingt in der stillen Küche fast wie eine kleine Glocke. Ein vertrautes Geräusch, das meinen Sonntag einläutet.
In den ersten Monaten nach meiner Pensionierung im Juli 2024 war diese Stille fast beängstigend. Nach 35 Jahren im Schuldienst fehlt einem plötzlich das Gewusel. Aber heute, fast zwei Jahre später, ist diese Stille mein bester Lehrmeister geworden. Besonders wenn es um das geht, was mich diesen Winter und Frühling so beschäftigt hat: das Schichten. Am Anfang sahen meine Bilder oft flach aus, fast ein bisschen wie die Ausmalbilder, die ich früher meinen Zweitklässlern im Sachunterricht verteilt habe. Es fehlte das Leben, das Dreidimensionale, die Tiefe.
Geduld als wichtigste Zutat – Eine Lektion aus dem Winter
Ich erinnere mich noch gut an die Adventszeit 2025. Ich wollte eine kleine Winterlandschaft malen, aber alles floss ineinander. Mein Fehler war die Ungeduld. Ich wollte sofort sehen, wie der Schatten unter den Tannen aussieht. Dabei ist das Geheimnis beim Lasieren eigentlich ganz einfach: Jede Schicht muss knochentrocken sein, bevor die nächste kommt. Aquarellfarben sind transparent, und nur wenn die untere Schicht fest im Papier sitzt, kann die obere ihre volle Leuchtkraft entfalten, ohne alles in Matsch zu verwandeln.

In meinem Timothy90s Aquarell Online Kurs hatte ich das theoretisch schon in Woche 4 gelernt, aber Theorie und der eigene Küchentisch sind zwei Paar Schuhe. Ein wichtiger technischer Anker war für mich die Wahl des Materials. Ich benutze mittlerweile fast nur noch Papier mit einem Flächengewicht von 300 g/m². Es ist stabil genug, um mehrere Farbschichten aufzunehmen, ohne dass es sich wie eine alte Wellpappe biegt. Wenn man dann noch Papier aus 100% Baumwolle nimmt, ziehen die Pigmente ganz anders ein und man hat mehr Kontrolle über die Ränder.
Der Moment, in dem das Braun siegte
An einem frostigen Sonntagmorgen im Februar dachte ich, ich könnte den Prozess beschleunigen. Ich saß hier, die Heizung summte leise, und ich hatte ein eigentlich schönes Blau für einen See aufgetragen. Weil es mir nicht schnell genug ging, fing ich an, ungeduldig auf das nasse Papier zu pusten. Ich wollte unbedingt die dunkleren Akzente setzen. Das Ergebnis? Ich sah hilflos zu, wie die neue Farbe unkontrolliert in die alte lief und sich direkt vor meinen Augen ein hässlicher brauner Fleck bildete. Ein klassischer Anfängerfehler, über den ich heute lächeln kann.
Dieses "Nass-auf-Trocken"-Prinzip erfordert eine Disziplin, die ich als Lehrerin eigentlich haben sollte, die mir als Schülerin aber manchmal schwerfällt. Wenn man aber wartet, entstehen diese wunderbaren harten Kanten, die einem Bild Struktur geben. Ich habe gelernt, dass ich in der Zwischenzeit einfach das Geschirr spülen oder kurz mit der Nachbarin im Treppenhaus plaudern kann. Wenn ich zurückkomme, ist das Papier bereit für die nächste Stufe.

Eine ungewöhnliche Entdeckung: Dunkelheit bringt Licht
Vor etwa drei Wochen habe ich etwas ausprobiert, das eigentlich gegen alles spricht, was man in den meisten Einsteiger-Heften liest. Normalerweise heißt es immer: von hell nach dunkel arbeiten. Aber ich habe versucht, ganz bewusst mit einer dunklen Untermalung zu beginnen, um Schattenbereiche vorzudefinieren. Es klingt paradox, aber diese dunklen Stellen, die später von helleren Lasuren überlagert werden, geben dem Bild eine enorme räumliche Tiefe und eine Leuchtkraft, die ich vorher nie erreicht habe.
Es ist ein bisschen wie im richtigen Leben: Erst durch die Kontraste werden die hellen Momente richtig sichtbar. Beim Malen hilft es mir, mich auf die 3 Grundfarben des klassischen Farbrads zu besinnen – Gelb, Rot und Blau. Wenn man versteht, wie diese sich beim Schichten beeinflussen, verliert man die Angst vor dem "Verschmutzen". Ein zartes Blau über einem getrockneten Gelb ergibt ein Grün, das viel lebendiger wirkt als jedes fertige Grün aus dem Napf. Falls du dich fragst, worauf man am Anfang sonst noch achten sollte, schau dir mal an, welches Aquarellpapier für Anfänger ich nach all meinen Versuchen heute empfehle.
Vom Zug nach Heidelberg bis zum fertigen Bild
Auf der Zugfahrt nach Heidelberg im April, als ich meine Tochter besuchte, hatte ich mein Skizzenbuch dabei. Die vorbeiziehende Landschaft ist natürlich zu schnell zum Schichten, aber ich habe dort angefangen, kleine Farbfelder übereinanderzulegen, nur um zu sehen, wie die Pigmente reagieren. Manche Farben sind granulierend – sie setzen sich in den Poren des Papiers ab und erzeugen eine körnige Textur, die toll für alte Mauern oder Baumrinden ist. Andere sind eher deckend und lassen kaum Licht durch.

Das Schichten ist für mich mittlerweile mehr als nur eine Technik. Es ist ein Ritual. Schicht für Schicht baue ich etwas auf, ohne den Stundenplan im Nacken zu haben. Mein Enkel war neulich zu Besuch und meinte: "Oma, das sieht ja aus wie echt!" Das war natürlich maßlos übertrieben – es war nur eine einfache Birne –, aber es hat mich gefreut. Er sieht die Tiefe, die ich durch drei oder vier hauchdünne Farbaufträge erzeugt habe. Es muss nicht perfekt sein, es muss sich nur richtig anfühlen. Und wenn ein Bild mal misslingt? Dann ist es eben eine Erfahrung mehr auf dem Weg. Mit 58 Jahren darf man sich den Luxus erlauben, einfach wieder von vorne anzufangen.