
Der Pinsel klappert nicht mehr gegen den Rand des Wasserglases, wenn ich eine Locke ansetze. Genau das war für mich der erste Hinweis, dass Haare malen im Aquarell anders funktioniert als Haare zeichnen mit dem Bleistift. Wer als Aquarell-Anfängerin ein Porträt zeichnen lernen will, bleibt fast immer an derselben Stelle hängen: den Haaren. Meine Antwort darauf, nach vielen Sonntagvormittagen am Küchentisch: Haare entstehen aus großen Flächen von Licht und Schatten, nicht aus einzelnen Strähnen.
Am Anfang wollte ich das nicht glauben. Im Porträtweg-Masterkurs wird genau das immer wieder betont, und trotzdem habe ich beim Porträt meiner Tochter lange versucht, jede einzelne Haarsträhne mit dem feinen Pinsel nachzuzeichnen. Das Ergebnis war jedes Mal eine Art Drahtgestell auf Papier, das mit ihrem lachenden Gesicht darunter nichts zu tun hatte.
Warum Haare im Aquarell schnell wie ein Helm aussehen
Der Fehler beginnt meist beim Anspruch, jede Strähne einzeln treffen zu wollen. Selbst auf einem guten Aquarellpapier mit 300 Gramm pro Quadratmeter, das einiges verzeiht, verliert man das Licht komplett, wenn man die ganze Kopffläche mit nur einer Brauntonschicht ausfüllt. Übrig bleibt eine dunkle, kompakte Masse, die eher an eine Mütze erinnert als an Haar. Elfrun, eine Bekannte aus einem Aquarellnachmittag im Gemeindehaus, hat es kürzlich unkompliziert auf den Punkt gebracht: Man male nicht das Haar, sondern die Lücken dazwischen. Kein Fachwort, aber genau richtig.
Mein kleines Farbkästchen mit den zwölf Näpfchen bietet ohnehin schöne Brauntöne, doch flächig aufgetragen bringen sie ein Porträt eher zum Erliegen als zum Leben. Fehlt das Licht, fehlt die Bewegung. Haare sind, anders als eine Wange oder eine Stirn, in Bewegung.

Das Weiß des Papiers als Lichtkante stehen lassen
Der eigentliche Kniff hat wenig mit Malen zu tun und viel mit Weglassen. Das hellste Licht im Haar wird nicht aufgetragen, es wird stehen gelassen. Fachleute nennen das Negativmalerei, für mich war es am Anfang einfach nur beunruhigend, eine helle Fläche mitten im Bild leer zu lassen, wo doch alles drumherum schon Farbe trägt.
Praktisch heißt das: Erst die großen Flächen definieren, dann fragen, wo das Licht am stärksten auf die Wölbung der Locke fällt. Genau dort bleibt das Papier nackt. Mit einem Rundpinsel der Größe 2 setze ich danach die dunkleren Schatten in die Vertiefungen, Schicht über Schicht, immer erst wenn die vorherige Lage angetrocknet ist. Erst durch diesen Wechsel aus stehen gelassenem Weiß und nachgelegtem Dunkel bekommt das Haar seine Tiefe.
Wasser spielt dabei eine größere Rolle, als man am Anfang denkt. Zu nass, und die Lasur läuft in Bereiche, die eigentlich trocken bleiben sollten. Zu trocken, und die Übergänge wirken hart und gerissen.
Wie viel Wasser verträgt eine Porträtlocke?
Genau an dieser Stelle bin ich einmal ordentlich hereingefallen. Ich wollte eine Schattierung unter einer Haarsträhne setzen, während die Hautpartie der Wange daneben noch nicht ganz trocken war, und die dunkelbraune Lasur lief sofort ins zarte Rosa der Haut. Ein feuchtes Tuch, etwas Geduld und die Erinnerung, dass man aus solchen verlaufenen Rändern mehr lernt als aus einem sauber getroffenen Strich – dazu habe ich in meinem Eintrag über Mund und Nase im Masterkurs schon mehr geschrieben.
Bevor eine neue Lasur auf eine noch feuchte Fläche trifft, teste ich inzwischen kurz mit dem Handrücken, ob die Stelle daneben wirklich trocken ist. Das dauert kaum einen Moment und rettet meistens das ganze Porträt.
Flächen setzen statt Strähne für Strähne zählen
Wer zu viele Einzelheiten malt, bekommt ein starres, unnatürliches Porträt. Haare sind eine Bewegung und kein statisches Objekt, deshalb setze ich lieber „Inseln" von Schatten statt einzelner Linien. Von hell nach dunkel arbeiten, die dunklen Akzente ganz zum Schluss setzen, für die feinen Spitzen einen Pinsel mit wirklich guter Spitze nehmen, ohne damit den ganzen Kopf vollzumalen, und die Hand dabei so locker halten, als würde man wieder eine Schönschreibübung aus der ersten Klasse machen – an diese Reihenfolge halte ich mich inzwischen fast automatisch.

Der Kaffee neben mir ist meistens schon kalt, wenn ich zum ersten Mal daran nippe, und das gekippte Ostfenster lässt selbst im Winter kühle Luft herein, bis die Finger langsam klamm werden. Neulich habe ich aufgeschaut und gemerkt, dass die Sitzung längst vorbei war, ohne dass ich auch nur einmal auf die Uhr geschaut hätte.
Eine Lesegruppe war mir zum Beispiel zu passiv, die Abende dort haben sich seltsam still angefühlt, obwohl alle nett waren. Am Küchentisch mit Pinsel und Wasser ist das anders, vielleicht weil die Hände etwas zu tun haben, während der Kopf zur Ruhe kommt.
Ein Kriterium für dein nächstes Porträt
Mein Enkel hat neulich über meine Schulter geschaut und gesagt, die Haare würden glänzen wie echt, obwohl der Übergang am Stirnansatz für mein eigenes Auge noch viel zu hart ist. Beides stimmt gleichzeitig, und genau das gehört wohl zum kreativen Ruhestand dazu: fertig ist nichts, aber lebendig schon einiges.
Falls du gerade an einem Porträt sitzt und die Frisur eher nach einer Mütze aussieht: Bevor du weitermalst, entscheide zuerst, wo dein hellster Punkt bleiben soll, und lass genau diese Stelle in Ruhe. Über starre Linien loszulassen habe ich an anderer Stelle schon geschrieben, und bei Haaren gilt dieser Rat noch mehr als anderswo: Erst wenn die Lichtstelle steht, kommt der Rest praktisch von allein hinterher.