Aquarell Sonntag

Aquarell und Fineliner kombinieren für Anfänger: Tipps für Urban Sketching

Viele stellen sich das Kombinieren von Fineliner und Aquarell wie ein Ausmalbuch vor — erst sauber alles vorzeichnen, dann brav die Farbe zwischen die Linien legen; beim Urban Sketching läuft es fast andersherum. Genau dieser Denkfehler bremst viele Anfänger aus: Sie glauben, die Zeichnung müsse fertig und richtig sein, bevor der erste Aquarell-Klecks fallen darf. Muss sie nicht. Wer draußen ein paar Reiseskizzen machen möchte, kommt weiter, sobald Linie und Farbe sich gegenseitig anschubsen dürfen. Und das ist das Schöne am Kreativsein im Ruhestand: Es setzt keiner mehr eine Note darunter.

Der Gedanke dahinter ist verständlich. Wer eine schöne alte Fassade vor sich hat, will sie korrekt festhalten. Bloß erstickt eine perfekt konstruierte Vorzeichnung genau das, was eine Stadtskizze lebendig macht. Ein leicht schiefes Fenster erzählt nämlich, dass hier ein Mensch gesessen hat und keine Kamera.

Die Zeichnung muss nicht fertig sein, bevor die Farbe kommt

Oben an der Festung Marienberg, mit dem Blick über die Dächer, mache ich es je nach Motiv völlig unterschiedlich. Mal steht zuerst ein loses Liniengerüst, in das die Farbe hineinläuft. Mal lege ich ein paar Farbflächen an und ziehe die Konturen erst hinein, wenn alles trocken ist. Beides ist richtig. Die Zeichnung darf ruhig unfertig bleiben. Die Farbe schließt die Lücken, die das Auge sowieso von selbst füllt.

Festes Papier, das draußen bei etwas mehr Wasser nicht gleich wellt, nimmt einem dabei viel Sorge. Den Rest macht die Haltung: nicht jeden Stein nachbauen wollen. Als pensionierte Lehrerin muss ich mich da manchmal selbst bremsen, damit ich nicht in den alten Korrektur-Modus verfalle und rot anstreiche, was gar nicht falsch ist.

Lass den Bleistift im Etui und vertrau dem Fineliner

Ein Bleistift verführt zum Radieren, und das Radieren ist der Feind der Lebendigkeit. Man tastet sich zaghaft heran, wischt weg, korrigiert. Am Ende steht ein steifes, blutleeres Bild da. Der Fineliner nimmt dir diese Ausrede. Jede Linie bleibt, wie sie gekommen ist, und genau das zwingt dich zum Hinschauen.

Fineliner-Techniken für Anfänger: eine feine Tuschelinie auf körnigem Aquarellpapier

Wer direkt mit der Tinte anfängt, wird schneller mutig. Früher hat mich das Bemühen, sauber perspektivisch zeichnen zu lernen, fast zur Verzweiflung gebracht; mit Fineliner und Farbe zusammen ist dieser Druck weg. Gerät ein Fenster zu schief, nenne ich es künstlerische Freiheit und male einfach weiter.

Erst Linie oder erst Farbe — meine Faustregel fürs Urban Sketching

Meine Faustregel ist einfach, und du kannst sie sofort ausprobieren. Hat das Motiv viele harte Kanten — Fenster, Dachziegel, ein Geländer —, zeichne ich zuerst mit dem Fineliner und lasse die Farbe später leicht darüber laufen. Geht es dagegen um Stimmung — der Himmel, ein Schatten, das Grün der Weinberge unter der Festung —, lege ich erst die Farbe und setze die Linien danach nur dort, wo das Auge einen Halt braucht. Mehr Regeln brauchst du am Anfang nicht.

Aus einem Kreuzstich-Kurs an der Volkshochschule bin ich nach zwei Abenden wieder ausgestiegen — die Muster waren mir zu winzig, jede Masche musste sitzen. Beim Urban Sketching ist es der umgekehrte Luxus: Die Linie darf zittern, die Farbe darf über den Rand, und trotzdem stimmt am Ende die Stimmung. Kurz bevor der erste Strich fällt, liegt der vollgesogene Pinsel schwer am Zeigefinger, ein winziger Moment des Zögerns — und dann setze ich einfach an.

Wasserfeste Tinte, sonst verschmiert die ganze Geschichte

Heidlinde, eine Leserin, die in den Kommentaren gern nach dem Material fragt, wollte neulich wissen, welchen Stift sie kaufen soll. Ihr erster Versuch war danebengegangen: Kaum hatte sie die Farbe über die frische Tinte gezogen, verlief die schwarze Linie zu einem grauen Schleier. Der Grund war schlicht, dass der Stift nicht wasserfest war. Für draußen nehme ich deshalb nur wasserfeste, dokumentenechte Tinte — dann bleibt die Linie da, wo sie hingehört, egal wie nass die Farbe darüber liegt. Das ist der eine Punkt, an dem ich nicht lässig bin.

Offenes Skizzenbuch mit einer Aquarell-Stadtskizze neben einem Milchkaffee — Urban Sketching als Reiseskizze

Zu Hause landen die fertigen Blätter dann auf der schmalen Ablage gegenüber, wo sie in Ruhe trocknen, während der Kaffee links neben dem Block längst kalt geworden ist. Der Sonntagvormittag gehört diesem Blättern und Nachschauen. Als mein Enkel neulich über die Schulter guckte, sagte er, das sehe ja aus wie ein richtiges Gemälde — dabei waren es nur ein paar Tuschelinien und ein bisschen Farbe.

Manchmal belebe ich die Skizzen inzwischen mit kleinen Figuren, so wie ich es auf meinem Weg zum ersten Porträt ausprobiert habe. Perfekt wird selten etwas, und das ist der Punkt. Pack beim nächsten Ausflug einfach einen wasserfesten Fineliner und einen kleinen Farbkasten ein — und lass den Wunsch, dass alles gerade und richtig wird, gleich zu Hause. Die Skizze muss kein Meisterwerk sein. Sie muss nur deine Geschichte erzählen.

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