
Der Wind pfiff mir ein wenig um die Nase, während ich in einem kleinen Café direkt am Neckar saß. Vor mir stand ein Milchkaffee, dessen Schaum schon langsam in sich zusammensackte, und vor allem stand da die Alte Brücke in Heidelberg. Ich hatte mein Skizzenbuch aufgeschlagen und hielt den Pinsel fest, aber ich zögerte. Seit ich im letzten Herbst angefangen habe, meine Tochter regelmäßiger in Heidelberg zu besuchen und dabei den Videokurs für Reiseskizzen im Gepäck zu haben, kenne ich diesen Moment der Unsicherheit nur zu gut.
In meinen ersten Monaten am Küchentisch in Würzburg habe ich nur mit reinen Farbflächen gearbeitet. Aber draußen, zwischen all den Fachwerkhäusern und Kopfsteinpflastergassen, merkte ich schnell: Nur mit Farbe fehlt mir die Struktur. Ich brauchte Linien, aber ich hatte Angst, sie zu setzen. Erinnert ihr euch noch an meinen Versuch mit dem Zeichnen-Lernen-Kurs, den ich nach Lektion 3 abgebrochen habe? Der Bleistift fühlte sich einfach falsch an, so zaghaft und immer bereit, wegradiert zu werden. Beim Urban Sketching habe ich nun gelernt, dass genau dieses Wegradieren der Feind der Lebendigkeit ist.
Warum die Linie dem Aquarell Halt gibt
Ich sitze also da und betrachte mein festes Aquarellpapier. Ich nehme immer solches mit einem Flächengewicht von 300 g/m², weil es einfach nicht so schnell wellt, wenn man draußen mal etwas mehr Wasser erwischt oder es – wie so oft in Heidelberg – ein wenig feucht in der Luft ist. Die Architektur der Stadt verlangt nach einer gewissen Ordnung, aber als pensionierte Lehrerin muss ich aufpassen, dass ich nicht wieder in den „Korrektur-Modus“ verfalle und versuche, jeden Stein exakt nachzubauen.

Die Kombination aus Aquarell und Fineliner ist für mich wie ein Gespräch zwischen zwei Freunden: Die Farbe sorgt für die Stimmung und das Licht, der Fineliner setzt die Akzente und erzählt die Details. Ende Oktober habe ich das zum ersten Mal richtig probiert. Ich habe gelernt, dass es nicht darauf ankommt, eine perfekte technische Zeichnung abzuliefern. Es geht darum, das Gefühl dieses Nachmittags einzufangen, während die Passanten an meinem Tisch vorbeihuschen.
Die Sache mit der Wasserfestigkeit – und kleinen Missgeschicken
Ein ganz wichtiger Punkt, den ich schmerzlich lernen musste: Nicht jeder schwarze Stift verträgt sich mit Wasser. Während der Weihnachtsfeiertage wollte ich die Heiliggeistkirche skizzieren. Ich war so stolz auf meine Linien, aber ich war zu ungeduldig. Kaum war die Tinte auf dem Papier, bin ich mit dem nassen Pinsel direkt hineingefahren. Das Ergebnis? Ein großer schwarzer Fleck, der aussah, als hätte die Kirche ein massives Rußproblem. Mein schönes Bild war dahin, nur weil ich nicht gewartet hatte, bis die pigmentierte Tinte vollständig durchgetrocknet war.
Heute achte ich penibel darauf, dass meine Stifte der ISO 12757-2 entsprechen. Das klingt furchtbar bürokratisch – fast wie ein Lehrplan für das Kultusministerium – aber es bedeutet schlichtweg, dass die Tinte dokumentenecht und wasserfest ist. Wenn ich heute mit meiner ultrafeinen 0.1 mm Metallspitze über das grobkörnige Papier fahre, genieße ich das leise, kratzende Geräusch. Es hat etwas Beruhigendes, fast Meditatives, während der Milchschaum im Glas neben mir langsam zusammensinkt.
Mut zur Lücke: Warum der Bleistift im Etui bleibt
Hier kommt mein wichtigster Rat an dich, falls du auch gerade erst anfängst: Lass den Bleistift weg. Ich weiß, das klingt beängstigend. Man will doch vorzeichnen, damit alles „richtig“ ist. Aber ich habe festgestellt, dass das akribische Vorzeichnen die ganze Spontaneität raubt. Das Bild wirkt dann oft steif und leblos. Wenn du direkt mit dem Fineliner startest, zwingst du dich dazu, hinzuschauen und jede Linie so zu akzeptieren, wie sie kommt.
Im ersten milden Frühlingslicht dieses Jahres saß ich an der Neckarwiese und habe einfach losgelegt. Wenn eine Linie mal danebengeht? Dann ist das eben so. Beim Urban Sketching darf man sehen, dass ein Mensch das Bild gemalt hat, keine Maschine. Das „Unperfekte“ macht den Charme aus. Oft setze ich sogar erst die Farbkleckse und zeichne erst dann die Konturen darüber, wenn alles trocken ist. Das gibt dem Ganzen eine wunderbare Leichtigkeit, die ich früher nie für möglich gehalten hätte.

Das erinnert mich ein bisschen daran, wie ich früher versucht habe, perspektivisch zeichnen zu lernen, was mich fast in den Wahnsinn getrieben hat. Mit der Kombination aus Tinte und Farbe ist der Druck weg. Es muss nicht alles mathematisch korrekt sein, solange die Atmosphäre stimmt. Und falls mal ein Fenster zu schief gerät, nenne ich es einfach künstlerische Freiheit.
Mein Sonntagsritual und die Reise-Erinnerungen
Vor ein paar Wochen, als ich wieder zurück an meinem Küchentisch in Würzburg saß, habe ich meine Skizzen der letzten Monate durchgeblättert. Der Sonntagvormittag von 7 bis 9 ist mir heilig, da blicke ich oft auf meine Ausflüge zurück. Das Urban Sketching hat mir geholfen, die Angst vor dem weißen Blatt zu besiegen. Ein paar Striche mit dem Fineliner, ein wenig Farbe drüber – und schon ist die Erinnerung an den Wind in Heidelberg oder das Lachen meiner Enkelkinder wieder da.
Manchmal traue ich mich sogar schon an schwierigere Dinge heran. Letztens habe ich überlegt, ob ich meine Skizzen nicht öfter mit kleinen Figuren beleben sollte, so ähnlich wie ich es bei meinem Weg zum ersten Porträt versucht habe. Es ist ein ständiges Lernen, und das ist das Schöne am Ruhestand: Wir haben endlich die Zeit, auch mal Fehler zu machen, ohne dass gleich jemand eine Note daruntersetzt. Pack einfach einen Fineliner und einen kleinen Farbkasten ein, wenn du das nächste Mal unterwegs bist. Es muss kein Meisterwerk werden, es muss nur deine Geschichte erzählen.