
Der volle Pinsel drückt einen Moment lang schwer gegen meinen Zeigefinger, bevor die Borsten das Papier berühren. Genau in dieser Sekunde zeigt sich, ob die Linie heute locker wird oder wieder so verkniffen wie meine ersten Versuche im Herbst.
Ein Hinweis, bevor es weitergeht: Diese Seite enthält Affiliate-Links, und wenn du über so einen Link einen Kurs kaufst, bekomme ich eine kleine Provision, ohne dass es dich mehr kostet. Ich verlinke nur, was ich selbst als Aquarell-Anfängerin ausprobiert und mindestens einen Monat lang durchgehalten habe – als kreatives Hobby für den Ruhestand soll das schließlich ehrlich bleiben, keine Werbeschau.
Der Rotstift, der nicht verschwinden will
Nach 35 Jahren im Klassenzimmer dachte ich, den Kontrollzwang lasse ich einfach mit dem Klassenbuch im Lehrerzimmer zurück. Falsch gedacht. Als das erste Farbkästchen auf dem Tisch stand, war der Wunsch nach Perfektion sofort wieder da – jede Blume mit harter Kontur, jeder Stamm fein mit Bleistift vorgezeichnet, als müsste ich es benoten.
Bevor ich das erste Farbkästchen überhaupt aufgemacht hatte, war es still im Haus – zu still für jemanden, die 35 Jahre lang von Pausenklingeln getaktet war. Eine Weile habe ich es mit einer Sudoku-App versucht, jeden Tag ein Rätsel, aber nach einem Monat war mir so langweilig davon, dass ich das Handy einfach liegen ließ. Erst mit dem Aquarellkasten kam etwas, das sich nach echter Entspannung im Ruhestand anfühlte statt nach einer weiteren Pflichtübung.
Systematisch habe ich es trotzdem erst versucht, mit einem Kurs namens DrawTuts, drei Lektionen lang, dann Schluss. Der Bleistift fühlte sich in der Hand falsch an, streng und unnachgiebig, fast wie Korrekturlesen. Wenn dich das auch beschäftigt, findest du meine Gedanken dazu, warum Zeichnen lernen für Aquarellbilder auch ohne Talent möglich ist, an anderer Stelle – Zeichnen und Malen sind für mich zwei ziemlich verschiedene Baustellen geblieben.

Wie aus meiner Tochter eine Kartoffel wurde

Ein Ausflug zur Tochter nach Heidelberg vor einigen Wochen wurde zum Reinfall im besten Sinne. Ich hatte mir für die Fahrt extra einen Skizzen-Videokurs gegönnt, um die Zeit im Zug zu nutzen, und wollte sie skizzieren, wie sie am Fenster saß. Heraus kam ein verschmierter Klecks, der eher an eine zerbeulte Kartoffel erinnerte als an ihr Gesicht – am liebsten hätte ich das Skizzenbuch im Zugmülleimer versenkt.
Genau daran scheitern wir Anfängerinnen oft: Wir wollen, dass es sofort aussieht wie im Museum, dabei ist Aquarellmalerei eher ein Tanz mit dem Zufall als eine exakte Wissenschaft. In 35 Jahren Schuldienst musste alles seine Ordnung haben; beim Malen ist Ordnung oft der Feind der Lebendigkeit. Dass gerade die missglückten Bilder einen manchmal weiterbringen als die sauberen, ist übrigens eine längere Geschichte für sich – die spare ich mir für ein andermal auf.
Was hat mir wirklich geholfen, den Stift loszulassen?
Der Wendepunkt kam in dieser sechsten Woche mit dem Aquarell Online Kurs [Mein Sonntagskurs], als ich mich wirklich auf das Wasser statt auf die Kontrolle eingelassen habe. Papier spielt dabei eine größere Rolle, als ich am Anfang dachte – inzwischen nehme ich fast nur noch die dickere Sorte, weil sie nicht gleich wellig wird, aber welches Papier für wen taugt, ist ein eigenes Kapitel, das anderswo auf dieser Seite steht.
Besonders die Nass-in-Nass-Technik hat mir dabei geholfen loszulassen, auch wenn ich hier nicht im Detail erkläre, wie sie funktioniert – das würde diesen Eintrag sprengen. An einem Sonntag im Winter habe ich einfach Blau und Gelb ineinanderlaufen lassen, ohne nachzudenken, welches Grün am Ende dabei herauskommt, und meine Schultern sind dabei spürbar ein Stück heruntergesunken. Im Forum des Kurses schreibt eine andere Teilnehmerin, Walpurga Kiefer, die etwa zur selben Zeit wie ich angefangen hat, oft sehr genau über solche Wassermengen und Mischverhältnisse, nach ihrem eigenen Sonntag habe ich sie dagegen noch nie gefragt, das scheint einfach nicht ihr Thema zu sein.
Der Kampf gegen den Kontrollzwang
Auch nach fast zwei Jahren mit dem Pinsel schleicht sich der alte Rotstift-Reflex manchmal noch ein. Wer sich selbst hohe Maßstäbe setzt, tut sich mit dem Loslassen schwer. Man versucht, die Farbe mit dem Pinsel zu bändigen, statt sie einfach fließen zu lassen, und genau das führt zu den stumpfen, toten Bildern, vor denen ich mich anfangs am meisten gefürchtet habe. Wenn du auch ständig mit zu nassem oder zu trockenem Pinsel kämpfst, hilft dir vielleicht mein Beitrag darüber, wie man das richtige Verhältnis von Wasser und Farbe findet. Drei Dinge helfen mir seither zuverlässig: den Bleistift ganz wegzulassen, weil ich dann auch keine Linie sklavisch einhalten kann, einen richtig dicken Pinsel zu nehmen, der zu mutigeren Strichen zwingt, und mir ein Zeitlimit von zehn Minuten pro Motiv zu setzen, das dem inneren Zensor gar keine Zeit lässt. Wie man weiße Flächen von vornherein freihält oder Farbe Schicht für Schicht zu mehr Tiefe aufbaut, sind beides eigene Themen, die ich an anderer Stelle ausführlicher behandle, genau wie die Frage, was Licht und Schatten oder die Eigenschaften einzelner Pigmente mit einem ruhigen Bild zu tun haben.
Der Sonntagskurs ist mir deshalb wichtig geworden, weil er schon seit über 4 Jahren am Markt ist und eine Rückgabequote von unter 0,6 Prozent hat, ein Zeichen dafür, dass andere Anfängerinnen dort offenbar finden, was sie brauchen: einen Weg, die Angst vor dem weißen Blatt zu verlieren, ohne sich wie in einer Kunsthochschule zu fühlen.
Wochenaquarell in Woche 6: Endlich ruhige Hände
Diese sechste Woche hat mir trotzdem gezeigt, wie weit die Hand inzwischen gekommen ist, auch wenn nicht alles gelungen ist – der Himmel über der Festung ist an einer Stelle fleckig geworden, weil ich zu ungeduldig nachgeladen habe. Mein aktuelles Blatt zeigt die Festung Marienberg von der anderen Mainseite aus, mit ihren eigentlich sehr geraden Mauern, und ausgerechnet die habe ich diesmal bewusst leicht verwackelt stehen lassen, statt jede Kante zu begradigen. Mein Enkel kam vorbei, schaute auf das noch feuchte Blatt und meinte nur, das könnte glatt in einem Museum hängen. Am Telefon, mitten im Erzählen von ihrem neuesten Sauerteigbrot nach einem alten Familienrezept, wollte meine Freundin sofort ein Foto davon sehen.
Wer dieses Gefühl auch sucht, am Sonntagvormittag testweise die Kontrolle abzugeben, dem lege ich den Aquarell Online Kurs [Mein Sonntagskurs] wirklich ans Herz. Nach 35 Jahren, in denen ich vor allem für andere und für Ordnung da war, ist das für mich ein kleines Geschenk an mich selbst geworden – und warum es ausgerechnet der Sonntagvormittag und keine andere Tageszeit sein muss, ist eine eigene Geschichte, die ich ein andermal erzähle. Die Welt geht jedenfalls nicht unter, wenn die Farbe über den Rand läuft. Versprochen.