Aquarell Sonntag

Warum Maskierflüssigkeit im Aquarell für Anfänger beim Malen so wichtig ist

Es war ein trüber Sonntagmorgen im letzten November, als ich hier in meiner Würzburger Küche saß und fassungslos auf mein Papier starrte. Die Kaffeemaschine gluckerte im Hintergrund vor sich hin, aber mein Blick klebte an einer kleinen Winterlandschaft, die eigentlich meine Rettung vor dem grauen Herbstwetter sein sollte. Ich wollte Birken im Schnee malen – diese wunderbaren, leuchtend weißen Stämme vor einem tiefblauen Abendhimmel. Aber was auf meinem Tisch lag, sah eher aus wie eine Schlammschlacht im Main: Die weißen Stämme waren zu einem schmutzigen Grau zerlaufen, weil ich es einfach nicht geschafft hatte, mit dem Pinsel rechtzeitig zu stoppen.

Das Problem mit dem Weiß, das keines bleiben will

Als ehemalige Lehrerin für Deutsch und Sachunterricht bin ich es gewohnt, dass man Fehler einfach mit dem Tintenkiller löscht oder im schlimmsten Fall eine neue Seite im Heft anfängt. Aber beim Aquarell ist das Weiß keine Farbe, die man am Ende einfach drübermalt. Das Weiß ist das Papier. Wenn das erst mal mit Farbe getränkt ist, ist es weg. „Das Weiß stehen lassen“, sagen die Profis immer so leicht. In Woche 18 meines Lernprozesses fühlte sich das für mich eher wie eine unlösbare Matheaufgabe in der vierten Klasse an.

Ich habe versucht, ganz vorsichtig um die schmalen Äste herumzumalen. Aber meine Hand ist mit 58 Jahren eben nicht mehr so ruhig wie die einer Chirurgin. Einmal kurz geniest, einmal zu viel Wasser am Pinsel – und schon fraß sich das dunkle Blau des Himmels in meine weißen Birken. Es war frustrierend. Ich saß da mit meinem Kaffee und dachte mir, dass ich vielleicht doch lieber beim Häkeln hätte bleiben sollen. Da kann man wenigstens aufribbeln.

Nahaufnahme beim Auftragen von blauer Maskierflüssigkeit auf Aquarellpapier mit einem feinen Pinsel.

Ein bläuliches Wunder aus dem Glas

Dann erinnerte ich mich an ein Gespräch mit einer ehemaligen Kollegin, die mir kurz vor meiner Pensionierung im Juli 2024 von ihren Malversuchen erzählte. Sie erwähnte etwas, das sie „Rubbelkrepp“ nannte. Es klang ein bisschen nach Kindergarten, aber am nächsten Montag besorgte ich mir so ein kleines Gläschen im Schreibwarenladen. Als ich es das erste Mal aufschraubte, stieg mir sofort dieser scharfe, leicht stechende Geruch von Ammoniak in die Nase. Es roch fast ein bisschen wie die Putzmittelkammer in unserer alten Schule, aber es war der Beginn einer neuen Freundschaft.

Diese Maskierflüssigkeit ist im Grunde flüssiger Latex. Man trägt sie dort auf, wo das Papier weiß bleiben soll, lässt sie trocknen und malt dann einfach drüber. Es ist wie ein Schutzschild für das Papier. Ich habe gelernt, dass man dafür auf keinen Fall seine guten Pinsel nehmen sollte. Der Latex trocknet so schnell, dass er die feinen Haare verklebt, bevor man „Dankeschön“ sagen kann. Also kramte ich einen alten, billigen Pinsel der Größe 0 hervor, den ich eigentlich schon aussortiert hatte.

Mitte Januar saß ich wieder an meinen Birken. Diesmal tunkte ich den kleinen Pinsel erst in ein bisschen Seifenwasser – ein Tipp aus einem meiner Kurse – und trug dann die bläuliche Flüssigkeit ganz präzise auf die Stellen auf, die später die Stämme und die hellen Lichtkanten werden sollten. Es sah erst mal seltsam aus, wie kleine blaue Raupen auf dem weißen Papier.

Geduld ist eine Tugend – auch für Pensionäre

Hier kam die erste Lektion in Demut. Man darf nämlich nicht sofort loslegen. Die Flüssigkeit muss komplett trocken sein. Ich nutzte die Zeit, um mir einen zweiten Kaffee zu machen und aus dem Fenster zu beobachten, wie die Nachbarin ihren Hund ausführte. Erst als die blauen Streifen nicht mehr glänzten, sondern matt und gummiartig aussahen, traute ich mich an die Farbe. Und was soll ich sagen? Es war herrlich! Ich konnte mit dem großen Pinsel und viel Wasser über das ganze Blatt fegen, ohne Angst haben zu müssen, meine mühsam geplanten weißen Flächen zu ruinieren.

Besonders wichtig ist dabei die Wahl des Papiers. Ich nutze inzwischen fast nur noch Blöcke mit einem Gewicht von 300g/m². Das ist stabil genug, um die Feuchtigkeit auszuhalten, ohne sich wie eine alte Wellpappe zu biegen. Wenn man auf zu dünnem Papier maskiert, erlebt man beim Abziehen sein blaues Wunder – im negativen Sinne.

Abrubbeln der getrockneten Maskierflüssigkeit von einem Aquarellbild mit dem Finger.

Der Moment der Wahrheit: Rubbeln oder Reißen?

Der spannendste Moment ist das Entfernen. Wenn die Farbe getrocknet ist, reibt man mit dem Finger ganz vorsichtig über die gummierte Stelle. Es fühlt sich ein bisschen an wie diese Klebereste, die man früher von neuen Schulbüchern gepult hat. Darunter kommt das strahlend weiße Papier zum Vorschein. Es hat fast etwas Magisches, wenn diese scharfen Kanten plötzlich da sind.

Aber ich wäre nicht ehrlich, wenn ich nicht auch von meinem Scheitern erzählen würde. An einem regnerischen Sonntagmorgen im März war ich mal wieder zu ungeduldig. Die Farbe sah trocken aus, aber tief im Inneren der Fasern war das Papier wohl noch feucht. Als ich anfing zu rubbeln, hörte ich dieses leise, hässliche Reißgeräusch. Ein Stück der obersten Papierschicht löste sich zusammen mit dem Latex ab. Mein schönes Bild hatte plötzlich eine „Wunde“. Ich hätte heulen können. Aber genau wie bei meinen Schülern früher: Aus Fehlern lernt man. Wenn man Aquarell Fehler korrigieren will, muss man erst mal lernen, sie auszuhalten.

Die Schattenseite: Macht uns die Maskierung faul?

Jetzt kommt der Punkt, über den ich in den letzten Wochen oft nachgedacht habe, während ich sonntags von 7 bis 9 Uhr an meinem Tisch saß. Maskierflüssigkeit ist für uns Anfänger ein Segen, weil sie uns den Stress nimmt. Sie erlaubt uns, uns auf den Farbverlauf und den Fluss des Wassers zu konzentrieren, ohne ständig Panik vor dem „Übermalen“ zu haben. Aber ich merke auch eine Gefahr: Sie macht uns bequem.

Wenn ich immer alles abklebe, was weiß bleiben soll, lerne ich dann jemals wirklich, meinen Pinsel zu kontrollieren? In der Schule haben wir auch nicht sofort mit dem Füller geschrieben, sondern erst mal mit dem Bleistift geübt. Wenn ich die Maskierflüssigkeit als Krücke benutze, trainiere ich meine „Mal-Muskeln“ für die Präzision nicht. Ich habe neulich probiert, eine einfache Tasse zu malen und den Lichtreflex am Rand ohne Hilfe stehen zu lassen. Es war schwer. Viel schwerer als mit dem blauen Gummi-Schutz.

Ich glaube, Maskierflüssigkeit verhindert ein Stück weit, dass wir die notwendige Kontrolle über den Pinselstrich und die Wasserführung jemals wirklich meistern. Man verlässt sich auf die scharfe Kante, die das Werkzeug vorgibt, statt sie mit der eigenen Hand zu erschaffen. Das ist ein bisschen wie Malen nach Zahlen für Fortgeschrittene.

Vergleich zwischen scharfen Kanten durch Maskierung und weichen handgemalten Kanten im Aquarell.

Mein Fazit für den Küchentisch

Trotzdem möchte ich das Fläschchen nicht missen. Gerade wenn ich für meine Tochter in Heidelberg kleine Karten male oder mich an eine verschneite Winterlandschaft malen will, gibt es mir die Sicherheit, die ich brauche, um überhaupt anzufangen. Und das ist doch das Wichtigste in unserem Alter: Dass wir nicht vor lauter Angst vor Fehlern gar nicht erst den Pinsel in die Hand nehmen.

Vielleicht ist es wie bei allem im Leben: Die Mischung macht’s. Mal darf es die Sicherheit der Maskierung sein, und mal wage ich mich ohne Schutzschild an das weiße Blatt. Letzte Woche habe ich übrigens versucht, kleine Lichtpunkte in den Augen eines Porträts zu setzen – ganz ohne Rubbelkrepp. Es ist ein bisschen schief geworden, aber mein Enkel meinte, die Frau auf dem Bild sähe aus, als würde sie gerade zwinkern. So kann man es natürlich auch sehen.

Wenn du also gerade erst anfängst, gönn dir dieses kleine Fläschchen. Es ist ein wunderbarer Mutmacher. Aber versuch ab und zu, es im Schrank zu lassen, nur um zu sehen, was deine Hand schon alleine schafft. Es ist ein langer Weg, und ich bin nach fast zwei Jahren immer noch eine Lernende. Aber genau das macht den Sonntagvormittag so kostbar. Und falls du dich fragst, wie es mir sonst so ergeht: Ich habe neulich sogar mal versucht, Menschen zeichnen zu lernen, was noch mal eine ganz andere Hausnummer ist als meine Birken.

Nächsten Sonntag wartet wieder das leere Blatt auf mich. Vielleicht mit Maskierung, vielleicht ohne. Aber auf jeden Fall mit frischem Kaffee und der Ruhe, die ich nach 35 Jahren Schuldienst so sehr genieße.

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