
In der vollen Regionalbahn nach Heidelberg im Juni versuche ich, mein großes Skizzenbuch aufzuklappen, und merke, dass mein 24er-Metallkasten fast den ganzen Klapptisch einnimmt. Neben mir sitzt ein junger Mann mit Kopfhörern, der skeptisch auf meine Farbtuben schielt, während der Zug sanft ruckelt. Es ist einer dieser Momente, in denen man sich als pensionierte Lehrerin ein bisschen fehl am Platz fühlt – als hätte man das halbe Wohnzimmer in die Bahn geschleppt. Mein Tee schwappt gefährlich nah am Rand des Bechers, und ich merke: So geht das nicht. Mein geliebter Malkasten, der sonntags auf dem Küchentisch so gute Dienste leistet, ist für die Reise zur Tochter einfach eine Nummer zu groß.
Nach 35 Jahren Grundschule weiß ich, dass Vorbereitung die halbe Miete ist. Aber beim Aquarellieren habe ich das erst schmerzhaft lernen müssen. Als ich im letzten Jahr, kurz nach meiner Pensionierung im Juli 2024, anfing, dachte ich, mehr Farben bedeuten mehr Möglichkeiten. Doch unterwegs ist das Gegenteil der Fall. Zu Hause in Würzburg, an einem sonnigen Wochenende im Mai, räumte ich den Küchentisch frei und fasste einen Entschluss. Ich wollte nicht mehr diesen schweren Klotz mitschleppen, der mir den Platz für das eigentliche Malen raubt.
Warum weniger oft mehr ist (aber nicht zu wenig!)
Es gibt diese winzigen Reisekästen, die kaum größer sind als eine Streichholzschachtel. Ich habe sie in Foren gesehen und kurz darüber nachgedacht. Aber wisst ihr, was ich glaube? Vergiss den extrem kompakten Reisekasten. Ein zu kleiner Kasten schränkt deine Farbauswahl so stark ein, dass du frustriert bist. Wenn man nur drei Farben hat, verbringt man die ganze Zeit mit Mischen, statt intuitiv den Moment einzufangen. Gerade als Anfänger – und ich bin in Woche 94 meiner Reise – braucht man ein bisschen Spielraum, um nicht den Mut zu verlieren.
Ich habe mich für eine kleine Metalldose entschieden, die früher einmal Pastillen enthielt. Das Ziel war, eine Auswahl zu treffen, die mich nicht einschränkt, aber auch nicht belastet. Dabei hilft es, sich an Profis zu orientieren, ohne sich von deren Perfektionismus einschüchtern zu lassen. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass echte Künstlerpigmente nach dem ASTM D4302 Standard für Lichtechtheit geprüft werden. Das klingt trocken, aber es bedeutet eigentlich nur: Wenn du dir die Mühe machst, im Urlaub zu malen, willst du nicht, dass das Bild nach drei Wochen in der Sonne verblasst wie eine alte Quittung.

Die inneren Werte: Was in den Kasten gehört
Nach etwa drei Wochen des Ausprobierens kristallisierte sich meine perfekte Palette heraus. Ich habe meine Auswahl auf sechs wesentliche Farben reduziert. Das Prinzip der warmen und kühlen Primärtöne ist hier Gold wert. Ich habe ein warmes Rot, ein kühles Rot (eher Pink), ein warmes Gelb, ein kühles Zitronengelb und zwei Blautöne eingepackt. Damit lässt sich fast alles mischen, was mir am Neckarufer begegnet.
Besonders wichtig war mir mein geliebtes Siena Natur. Wer sich für Pigmente interessiert, findet es oft unter der Bezeichnung P.Br.7. Es ist ein herrlich erdiger Ton. Das leise, metallische Klicken der Dose, wenn sie einrastet, und der erdige Geruch von feuchtem Ocker an einem warmen Nachmittag im Garten – das ist für mich mittlerweile Entspannung pur. Es erinnert mich daran, dass ich jetzt Zeit habe. Keine Klassenarbeiten, keine Konferenzen, nur ich und die Pigmente.
Die Farben fülle ich in sogenannte halbe Näpfchen. Diese haben das Standardmaß von 19mm x 16mm x 10mm. Das ist winzig, wenn man es so liest, aber es passt erstaunlich viel Farbe hinein. Da Aquarellfarben durch Bindemittel wie Gummi arabicum gebunden sind, kann man sie einfach aus der Tube in die Näpfchen drücken und trocknen lassen. Sie lassen sich später mit einem Tropfen Wasser immer wieder reaktivieren. Das ist fast ein kleines Wunder, finde ich.
Kleine Helfer mit großer Wirkung
Der Wendepunkt für meine Reisetauglichkeit kam aber nicht durch die Farben allein. Eines Morgens im Juli saß ich am Küchentisch und ärgerte mich, dass die Näpfchen in der Dose hin und her rutschten. Da kam mir die Idee: Ich klebte kleine Magnetstreifen unter jedes Näpfchen. Jetzt sitzen sie bombenfest. Außerdem habe ich einen winzigen Naturschwamm in eine Ecke gequetscht. Er ist perfekt, um den Pinsel kurz abzutupfen oder Strukturen in Bäume zu tupfen.
In dieser Zeit habe ich auch gemerkt, dass das Skizzenbuch selbst entscheidend ist. Ich hatte früher oft Angst vor dem weißen Blatt, aber warum ein Skizzenbuch für Anfänger auf Reisen eine Bereicherung ist, habe ich erst verstanden, als ich anfing, auch die misslungenen Versuche darin zu lassen. Es ist ein Tagebuch meiner Fehler und Fortschritte. Mein Enkel hat neulich ein Bild von einer Ente gesehen, bei der der Kopf viel zu groß war, und gesagt: "Oma, die sieht lustig aus!" Früher hätte ich das Blatt zerrissen, heute lache ich mit ihm.
Ein kleiner Tipp von einer, die es auf die harte Tour gelernt hat: Achte auf das Wasser. Ich hatte einmal die Erkenntnis, dass ich zu viel Wasser im Pinsel hatte, und die mühsam gemischte Farbe tropfte über den Rand meines kleinen Metalldeckels direkt auf meine helle Sommerhose. Ein großer blauer Fleck genau auf dem Knie. Meine Nachbarin im Hausflur fragte mich später, ob ich hingefallen sei. Ich sagte nur stolz: "Nein, das ist Ultramarinblau!" Seitdem weiß ich, dass ich das richtige Verhältnis von Wasser und Farbe unterwegs noch genauer im Auge behalten muss, weil man eben keinen großen Schreibtisch als Puffer hat.

Mein Fenster zur Ruhe
Jetzt passt mein ganzes Hobby in eine Jackentasche. Wenn ich heute in Heidelberg am Neckarufer sitze und auf meine Tochter warte, die noch in der Uni zu tun hat, ziehe ich meinen kleinen Kasten heraus. Es ist mein Fenster zur Ruhe geworden. Ich brauche keine 24 Farben mehr, um das Glitzern auf dem Wasser oder das satte Grün der Hügel einzufangen. Oft nutze ich granulierende Farben wie Umbra. Die Pigmentpartikel setzen sich in den Vertiefungen des Papiers ab, was gerade bei alten Gebäuden einen tollen Charakter verleiht, fast wie von selbst.
Manchmal sitze ich da und merke, dass die Leute im Vorbeigehen schauen. Früher hätte mich das nervös gemacht. Heute lächle ich nur. Ich bin keine Künstlerin, ich bin Renate, 58, und ich lerne noch. Der kleine Kasten hat mir die Freiheit gegeben, überall anzufangen. Es muss nicht perfekt sein. Es muss sich nur richtig anfühlen. Und wenn das Gelb mal wieder zu grell wird oder der Himmel eher nach Gewitter als nach Sommer aussieht – was soll's? Am nächsten Sonntag fange ich einfach wieder von vorne an, mit meinem Kaffee und dem offenen Fenster in Würzburg.
Vielleicht hast du ja auch noch eine alte Blechdose im Schrank liegen? Trau dich ruhig, sie umzufunktionieren. Es braucht nicht viel, um die Welt ein bisschen bunter zu sehen, und manchmal ist ein kleiner, selbst zusammengestellter Kasten der beste Begleiter, den man sich wünschen kann. Er wächst mit dir mit, genau wie deine Geduld mit dir selbst.