
Wolken haben keine Ränder. Das ist das Erste, was ich als Hobbymalerin begreifen musste, bevor mein Himmel überhaupt nach Himmel aussah. Wer Aquarell lernen und den Himmel malen will, malt nämlich nicht die Wolken — man malt das Blau darum herum und lässt das Papier weiß. So einfach, so schwer. Mein Wochenaquarell am Sonntagvormittag dreht sich seit einer Weile fast nur um diesen einen Gedanken, und kreativ im Ruhestand heißt für mich vor allem, geduldig mit den eigenen Anfängerfehlern zu sein.
Kaffee links vom Block, das Ostfenster einen Spalt offen — viel mehr braucht mein Sonntagvormittag nicht. Draußen hängt über Würzburg, das ja auf gut 177 Metern liegt, noch etwas Morgendunst. Genau dieser milchige, ungleichmäßige Himmel ist das, was ich aufs Papier bringen will. Nicht das Postkartenblau. Das echte.
Der erste Himmel wird oft zur blauen Wand
Am Anfang dachte ich, Wolken malt man mit weißer Farbe oben drauf. Ein hübscher Irrtum. Mein kleiner Kasten mit seinen 12 Näpfchen hat zwar ein Deckweiß, aber auf dem Blatt sieht das rasch nach Zahnpasta aus, nicht nach einer luftigen Wolke. Herausgekommen ist damals eine glatte, flache Fläche — wie eine frisch gestrichene Zimmerwand. Blau bis zum Rand, ohne Luft.
Dazu kommt eine Eigenheit, die jeden am Küchentisch erwischt: Nass sieht die Farbe kräftig und dramatisch aus, trocken wird sie deutlich blasser. Man mischt ein sattes Gewitter und schaut ein paar Minuten später auf ein blasses Frühstücksbildchen. Wer das weiß, mischt von vornherein ein bisschen mutiger an.
Und noch etwas Praktisches, das ich am Küchentisch schnell gemerkt habe: Zu dünnes Papier wellt sich sofort, sobald man einen weiten Himmel anlegt. Ich nehme deshalb Aquarellpapier mit 300g/m² Gewicht — mehr muss man dazu gar nicht wissen.

Das Papierweiß ist die beste Wolkenfarbe
Für weiche Übergänge im Himmel gibt es die Nass-in-nass-Technik — die einzige, mit der Wolken und Farbverläufe ohne sichtbare Pinselstriche ineinanderfließen. Meine Erfahrungen mit der Nass-in-Nass Technik stehen an anderer Stelle. Am Anfang habe ich mir einen ruhigeren Weg gesucht: Ich male das Blau um die Wolken herum und lasse die Lücken einfach stehen. Das Weiß des Papiers wird die Wolke, ganz ohne Deckweiß.
Lass drei Wolken einfach stehen
Mein kleiner Trick, den ich so in keinem Heft gefunden habe: nicht den perfekt durchfeuchteten Himmel anstreben, sondern auf fast trockenem Papier arbeiten. Die Wolkenränder dürfen ruhig erst hart stehen bleiben. Danach ziehe ich sie mit einem nur leicht feuchten, sauberen Pinsel an einer Seite vorsichtig weich — und plötzlich bekommt die Wolke Tiefe, statt einfach zu zerlaufen. Wer die Kontrolle behält, verliert nicht gleich den ganzen Sonntag an eine Wasserflut auf dem Blatt.
Nimm dir für den ersten Versuch nur drei Wolken vor, nicht mehr. Der Kopf schreit ja ständig: Füll die Fläche! Aber gerade die Lücken machen den Himmel lebendig. Und wenn das Ganze am Anfang wie ein blauer Teppich aussieht — nicht schlimm. Das gehört dazu.
Der Tropfen, der aus einem Fehler eine Wolke machte
Diesen Sonntag ist es trotzdem passiert. Ich hatte einen zarten Abendhimmel angelegt, ein Violett, das in ein warmes Gelb überging, und dann fiel ein Tropfen vom schmutzigen Pinselwasser mitten hinein. Sofort dieser ausgefranste Fleck, den manche „Blumenkohl" nennen — und der bleibt, den bekommt man nicht mehr heraus.
Früher hätte ich das Blatt zerrissen. Diesmal habe ich kurz durchgeatmet und aus dem Fleck eine dunklere, dramatischere Wolke gemacht. In der Schule haben wir aus einem Tintenklecks im Heft ja auch das Beste gemacht. Nicht perfekt, aber ehrlich — und darum geht es mir beim Malen inzwischen mehr als um perfekt.
Mein Wochenaquarell und die Geduld im Ruhestand
Woche 7 mit dem Kurs von Timothy90 stand ganz im Zeichen des Himmels; dort hieß es immer wieder, der Farbe beim Trocknen zuzusehen, statt sie zu drängen. Vieles davon habe ich gelernt, während ich meine Erfahrungen mit dem Timothy90s Kurs gesammelt habe. Ein bisschen wie damals mit dem Kreuzstich-Kurs an der Volkshochschule, den ich nach zwei Abenden hingeschmissen habe — die Muster waren mir zu winzig. Aquarell blieb. Vielleicht, weil hier ein krummer Rand kein Fehler ist, sondern Wetter.
Daran merke ich, dass sich etwas bewegt: Meine Nachbarin blieb neulich im Hausflur vor einem trockenen Blatt auf der Ablage stehen und sagte sofort: „Das ist doch der große Kastanienbaum aus dem Botanischen Garten." Nicht der Baum hatte sie überzeugt — es war der Himmel darüber, der endlich nach einem echten Vormittag aussah. So ein Satz wiegt mehr als jede Technik.
Heidlinde Fuchs, eine Leserin, die mir seit ein paar Wochen schreibt, steckt gerade an genau der Stelle fest, an der ich vor Kurzem noch stand — bei der blauen Wand. Ihr habe ich dasselbe geraten: erst die drei Lücken, dann eine Kante weichziehen, den Rest macht das Papier. Uns beiden hilft der Gedanke, dass hier vorn niemand perfekt anfängt.
Wenn du nächsten Sonntag den Pinsel in die Hand nimmst, trau dich an den Himmel und lass mehr weg, als du glaubst zu dürfen. Die schönsten Wolken entstehen dort, wo du das Blau einfach nicht hinsetzt. Das gilt, glaube ich, nicht nur fürs Malen.