
Es ist kurz nach sieben an diesem Sonntagmorgen im Mai. Das Fenster in der Küche steht weit offen, und hier oben in Würzburg – wir liegen ja auf etwa 177 Höhenmetern – kriecht der Nebel noch ganz langsam aus dem Maintal nach oben. Ich sitze hier mit meinem ersten Kaffee, das Licht ist noch milchig, und ich schaue nach draußen. Wisst ihr, was mir erst jetzt, mit 58 Jahren, so richtig auffällt? Der Himmel ist niemals einfach nur blau.
Früher, in meinen 35 Jahren an der Grundschule, hätte ich im Sachunterricht vielleicht gesagt: 'Kinder, malt den Himmel blau.' Heute weiß ich, dass das die größte Lüge der Kindheit war. Mein Himmel auf dem Papier sah am Anfang nämlich genau so aus: wie eine frisch gestrichene Zimmerwand. Ein flaches, unnachgiebiges Blau, das so gar nichts von dieser luftigen Freiheit hatte, die ich draußen sehe.
Der Kampf mit der blauen Wand
Als ich im Oktober 2024 anfing, dachte ich, Wolken malt man mit weißer Farbe auf das Blau. Ein fataler Irrtum, wie ich schnell feststellen musste. Mein kleiner Malkasten mit seinen 12 Farbnäpfchen hat zwar ein Deckweiß, aber das sieht auf dem Papier oft eher nach Zahnpasta aus als nach einer fluffigen Kumuluswolke. Ich saß hier an meinem Küchentisch und war kurz davor, den Pinsel in die Ecke zu werfen.
Besonders frustrierend war es in den grauen Wochen im letzten Januar. Ich wollte diesen melancholischen Winterhimmel einfangen, aber alles, was ich bekam, war ein schlammiges Etwas. Ich habe damals gelernt, dass Aquarellfarben eine ganz eigene Tücke haben: Sie trocknen etwa dreißig Prozent heller auf, als sie im nassen Zustand aussehen. Man denkt, man hat ein dramatisches Gewitter gemalt, und zehn Minuten später sieht es aus wie ein blasses Frühstücksbildchen.

Die Sache mit dem Wasser und dem Papier
Ein großer Wendepunkt war für mich die Erkenntnis, dass das Material mein bester Freund oder mein schlimmster Feind sein kann. Ich nutze mittlerweile immer Aquarellpapier mit 300g/m² Gewicht. Alles, was dünner ist, wellt sich sofort, wenn man versucht, einen weiten Himmel anzulegen. Es ist, als würde man versuchen, auf einem Taschentuch zu schreiben – es macht einfach keinen Spaß.
Ich erinnere mich an einen Moment im letzten November. Ich hatte meine Mischpalette vor mir – diese kalte, glatte Keramik unter meinen Fingern – und mischte zum ersten Mal ein Ultramarinblau mit einem winzigen Klecks gebrannter Sienna. Dieser erdige Geruch von nasser Farbe, wenn das erste Licht auf den Tisch fällt, das ist für mich mittlerweile Entspannung pur. In diesem Moment habe ich verstanden, dass der Himmel Schichten braucht.
Ich habe viel experimentiert und dabei festgestellt, dass die klassische Nass-in-Nass-Technik für uns Anfänger oft eine Falle ist. Man macht das Papier klitschnass, gibt Farbe hinein und – zack – verliert man die Kontrolle. Die Farbe rennt überallhin, nur nicht dorthin, wo sie soll. Meine Erfahrungen mit der Nass-in-Nass Technik waren anfangs eher von Verzweiflung geprägt, bis ich einen anderen Weg fand.
Mein kleiner Trick: Wolken einfach weglassen
Klingt komisch, oder? Aber es war mein absoluter 'Aha-Moment'. Anstatt zu versuchen, Wolken zu malen, male ich jetzt das Blau *um* die Wolken herum. Ich lasse das Weiß des Papiers einfach stehen. Das ist am Anfang gar nicht so leicht, weil unser Gehirn uns ständig sagt: 'Füll die ganze Fläche aus!' Aber wenn man mutig ist und kleine Lücken lässt, entstehen die schönsten, weichsten Wolken ganz von allein.
Und hier kommt mein kleiner Geheimtipp, den ich in keinem Lehrbuch so direkt gefunden habe: Vergesst erst mal den perfekt angefeuchteten Himmel. Ich habe gemerkt, dass gerade das kontrollierte Malen auf fast trockenem Papier – mit harten Kanten – viel mehr Sicherheit gibt. Wenn man die Wolkenränder erst einmal hart stehen lässt und sie dann ganz vorsichtig mit einem nur leicht feuchten, sauberen Pinsel an einer Seite weichzieht, bekommt man eine Tiefe, die bei der reinen Matsch-Technik oft verloren geht. So verhindert man, dass man als Anfänger völlig die Kontrolle über die Wasserfluten auf dem Blatt verliert.
Ein Missgeschick und eine Lektion
Natürlich klappt das nicht immer. Letzte Woche ist mir etwas passiert, das mir früher den ganzen Sonntag verdorben hätte. Ich hatte einen fast perfekten Abendhimmel gemischt, ein zartes Violett, das in ein warmes Gelb überging. Und dann? Ein Tropfen von meinem schmutzigen Pinselwasser fiel genau mitten in den feuchten Farbauftrag. Es entstand sofort dieser typische Ausblüheffekt, den man in der Fachsprache wohl 'Blumenkohl' nennt. Ein bleibender Fleck, den man nicht mehr wegbekommt.
Ich schaute darauf, atmete tief durch und musste lachen. Früher hätte ich das Blatt zerrissen. Heute denke ich an meine Zeit in der Schule zurück. Wenn ein Schüler einen dicken Tintenklecks im Heft hatte, haben wir auch versucht, das Beste daraus zu machen. Also habe ich aus dem Klecks einfach eine etwas dunklere, dramatischere Wolke gemacht. Nicht perfekt, aber ehrlich.
Geduld mit sich selbst haben
Nach etwa sechs Monaten regelmäßigen Übens merke ich, dass meine Hände ruhiger werden. Ich habe gelernt, dass man beim Aquarell nicht hetzen darf. Man muss der Farbe beim Trocknen zuschauen können. Das ist fast wie Meditation. Wenn ich heute auf mein Wochenaquarell schaue, sehe ich Wolken, die vielleicht ein bisschen windschief sind, aber sie atmen. Sie haben Licht.
Ich habe das meiste davon gelernt, während ich meine Erfahrungen mit dem Timothy90s Kurs gesammelt habe. Dort wurde immer wieder betont: Schau hin, was passiert, und versuche nicht, alles zu erzwingen. Das ist wohl die wichtigste Lektion für den Ruhestand – nicht nur beim Malen.
Wenn ihr also nächsten Sonntag auch mit einem Pinsel am Tisch sitzt: Traut euch an den Himmel. Nehmt euch vor, nur drei Wolken stehen zu lassen. Seid nicht zu streng mit euch, wenn es am Anfang wie ein blauer Teppich aussieht. Mein Enkel kam neulich vorbei, schaute auf mein Bild und sagte: 'Oma, die Wolke sieht aus wie ein schlafender Hund!' In diesem Moment war mir die Technik völlig egal. Es war das schönste Kompliment, das ich bekommen konnte.