
Der Pinsel taucht ins trübe Wasserglas, streift kurz die Palette und zieht die erste, ganz wässrige Linie aus Siena Natur und einem Hauch Magenta über die Wange auf dem Blatt. Genau in diesem Moment entscheidet sich, ob aus dem Gesicht meiner Tochter ein Mensch wird oder wieder diese unglückliche Fleischfarbe aus der Tube, mit der mein allererster Versuch eher nach einer überreifen Karotte aussah. Realistische Hauttöne beim Aquarell-Porträt zu mischen, ist für mich immer noch die schwierigste Übung in der ganzen Hobbymalerei – und die, zu der ich am häufigsten gefragt werde, wenn Nachbarn oder Bekannte mein trocknendes Blatt auf der Ablage sehen.
Welche Farben braucht man wirklich für Hauttöne?
Drei Grundfarben reichen: Gelb, Rot und Blau. Mehr braucht die ganze Palette der Hautfarben nicht, wenn man weiß, wie man sie verdünnt – die Grundlagen dafür hatte ich mir schon im Aquarell Farbkreis erarbeitet, ein Gesicht ist trotzdem noch mal eine andere Hausnummer. Für die Haut meiner Tochter beginne ich mit einer sehr wässrigen Mischung aus Siena Natur und einem winzigen Tropfen Magenta, fast nur Wasser im Pinsel. Nass-in-nass mische ich dabei kaum, weil man dann zu schnell die Kontrolle über die Ränder verliert. Das ist aber ein eigenes Kapitel für sich. Wichtiger ist das Weiß des Papiers, das durch die dünne Farbschicht hindurchscheinen muss, sonst wirkt die Haut sofort flach wie Wandfarbe im Neubau. Fertige Hautfarbe aus dem Näpfchen sieht dagegen fast immer leblos aus, weil ihr genau diese kleinen Verschiebungen zwischen den drei Grundfarben fehlen.

Schatten brauchen kühle Farben, keine Grautöne
Schwarz oder Grau unter dem Kinn macht ein Gesicht schnell schmutzig, das ist der klassische Anfängerfehler. Kühle Töne wie Ultramarinblau oder ein Hauch Violett funktionieren besser, weil Haut im Schatten selten wirklich grau ist. Ich setze den Pinsel an den unteren Rand der Wange und beobachte dann nur noch, wie die verdünnte Farbe eigenständig ins feuchte Papier wandert – dieses Nichtstun-Müssen, während sich die Farbe ausbreitet, ist fast das Schwierigste am ganzen Vorgang. Einmal griff ich dabei zu kräftig zum Blau, binnen Sekunden sah das Kinn meiner Tochter aus wie nach drei Tagen ohne Rasur, ein sauberer, feuchter Pinsel tupfte es zum Glück wieder ab, solange die Farbe noch nicht ganz trocken war. Welche Pigmente sich für solche kühlen Mischtöne eignen, findest du übrigens in meiner Aquarellfarben-Übersicht.

Warum sieht meine Mischung manchmal tot oder fleckig aus?
Eine einzelne Farbschicht reicht für Haut fast nie. Mehrere dünne Lagen übereinander, jede erst richtig getrocknet, geben der Haut die Tiefe, die eine einzige Schicht nie hinbekommt – wie man das Schicht für Schicht im Detail aufbaut, habe ich an anderer Stelle ausführlicher beschrieben. Fleckig wird es meistens, wenn ich ungeduldig bin und die nächste Lage auftrage, bevor die vorige wirklich trocken ist, dann wirken die Wangen streifig statt lebendig. Wird die Mischung zu rot, nehme ich beim nächsten Anlauf weniger Magenta, wirkt sie eher grau oder tot, kommt ein Hauch mehr Gelb-Ocker dazu – das sind die zwei Stellschrauben, an denen ich zuerst drehe. Geduld ist an dieser Stelle die Tugend, die mir als Rentnerin inzwischen leichter fällt als früher im Klassenzimmer.
Das richtige Papier für Porträts
Ich arbeite für Gesichter nur auf meinem dickeren Aquarellpapier, weil sich dünneres bei so vielen nassen Schichten sofort wellt wie eine alte Schulbank. Welches Papiergewicht sich für den Einstieg überhaupt eignet, dazu habe ich an anderer Stelle mehr geschrieben, hier reicht der Hinweis, dass zu dünnes Papier jede Mühe um die Hauttöne wieder zunichtemacht. Neben dem Block steht bei mir immer die Kaffeetasse links vom Blatt, das Wasserglas rechts – feste Gewohnheiten machen die eigentliche Arbeit am Gesicht leichter.
Aquarell hält mich bei der Sache, andere Hobbys nicht
Nach der Grundschule wollte ich zuerst einer Lesegruppe in der Nachbarschaft beitreten, aber die Abende dort fühlten sich zu passiv an. Ich saß nur da und hörte zu. Beim Aquarell passiert dagegen ständig etwas, das ich falsch einschätzen kann, und genau das hält mich bei der Sache. Meine Bekannte Elfrun, die ich von einem Aquarell-Nachmittag im Gemeindehaus kenne, lacht bei jedem verunglückten Versuch einfach los, ganz ohne sich dafür zu entschuldigen. Diese Gelassenheit habe ich mir inzwischen für meine eigenen Missgeschicke abgeschaut.
Mein Weg zum ersten gelungenen Porträt
Bevor ich mich an Gesichter wagte, malte ich vor allem Bäume und Blätter, und die waren offenbar schon erkennbar genug: Meine Nachbarin blieb neulich im Treppenhaus stehen, sah das frisch getrocknete Blatt auf der Ablage und sagte sofort, das sei doch der Kastanienbaum aus dem Botanischen Garten der Universität Würzburg. Bei einem Gesicht liegt die Messlatte höher, weil jeder von uns täglich Gesichter liest und sofort merkt, wenn etwas nicht stimmt. Deshalb lohnt sich am Ende auch der Blick auf die Augen lebendig gestaltet, denn ohne einen wachen Blick bleibt selbst die schönste Hautfarbe irgendwie leer. Geht deine Mischung mal komplett daneben, bleibt am Ende nur ein Blatt Papier, kein Beinbruch. Genau dieser Gedanke macht das Weitermachen leichter als jede perfekte Technik.