
Draußen peitscht der Regen gegen die Küchenfenster hier in Würzburg, aber drinnen riecht es nach frisch gebrühtem Kaffee und nasser Farbe. Es ist Sonntagmorgen, kurz nach sieben. Das Haus ist still, die Welt schläft noch, und ich sitze an meinem Stammplatz am Küchentisch. Vor mir liegt ein Foto meiner Tochter, die in Heidelberg wohnt und die ich so sehr vermisse, seit ich im Juli 2024 meine letzte Grundschulklasse verabschiedet habe. Ich wollte ihr Gesicht malen. Aber was soll ich sagen? Vor etwa drei Wochen sah mein erster Versuch eher nach einer überreifen Karotte aus als nach meiner Tochter. Es ist schon erstaunlich, wie viel Geduld man mit sich selbst aufbringen muss, wenn man mit 58 noch einmal ganz von vorne anfängt.
Der Schlamassel mit der fertigen Tube
In meinem ersten Aquarellkasten war ein Näpfchen, das hieß ganz optimistisch 'Fleischfarbe'. Ich dachte mir: 'Renate, das ist doch einfach. Pinsel nass machen, Farbe drauf, fertig.' Aber auf dem Papier sah es furchtbar aus. Flach, ein bisschen wie Wandfarbe im Neubau und völlig ohne Leben. Es hatte nichts von dieser sanften Transparenz, die ich in den Video-Lektionen bewundert hatte. Haut ist ja nicht einfach eine Farbe. Sie ist ein Zusammenspiel aus Licht, Schatten und den Äderchen, die darunter liegen.
Ich erinnerte mich an den Aquarell Farbkreis, den ich vor einiger Zeit gemalt habe. Da lernt man ja schon die Grundlagen, aber ein Gesicht ist dann doch noch mal eine andere Hausnummer. Man braucht Mut zur Lücke und vor allem Mut zum Wasser. Wenn man die fertigen Töne aus der Tube nimmt, vergisst man oft, dass das Weiß des Papiers unser bester Freund ist. Es muss durch die Farbe hindurchscheinen können.

Das Fundament: Papier und die drei Grundfarben
An einem verregneten Sonntagmorgen Mitte Mai habe ich beschlossen, die 'Fleischfarbe' ganz weit weg zu legen. Ich habe mein gutes Papier herausgeholt – echtes 300 g/m² Aquarellpapier. Das ist wichtig, weil wir für realistische Haut viele Schichten brauchen, und dünneres Papier würde sich sofort wellen wie eine alte Schulbank. Dieses Gewicht ist quasi der Industriestandard für das, was wir vorhaben: Lasuren.
Ich habe mich auf die 3 Primärfarben besonnen: Gelb, Rot und Blau. Mehr braucht man eigentlich gar nicht, um die ganze Welt zu mischen. Für die Haut meiner Tochter habe ich mit einer ganz wässrigen Mischung aus Siena Natur und einem winzigen Hauch Magenta angefangen. Es war fast nur Wasser im Pinsel. Das leise Kratzen des Pinsels auf dem rauen Papier ist für mich inzwischen fast meditativ. Während der Kaffee neben mir dampft und das Wasser im Glas langsam trüb wird, lege ich die erste Schicht an. Ganz zart.
Wenn das Kinn plötzlich einen Bart bekommt
Der schwierigste Teil sind die Schatten. Früher hätte ich wahrscheinlich einfach Grau oder Schwarz genommen, um die Partie unter dem Kinn dunkler zu machen. Aber das macht das Gesicht schmutzig. In einem Kurs für meine Heidelberg-Reisen habe ich gelernt, dass Schatten in der Haut oft kühle Töne brauchen. Also griff ich zu meinem Ultramarinblau – das Pigment heißt übrigens PB29, falls du mal auf die kleinen Zeichen auf deinen Tuben schauen willst. Das steht in jeder guten Aquarellfarben-Übersicht.
Und dann passierte es: Ich erwischte zu viel Blau. Der Moment, als ich mit dem Pinsel über das Papier fuhr und das Kinn meiner Tochter plötzlich aussah, als hätte sie einen Drei-Tage-Bart, war deprimierend. Ich saß da, starrte auf das Malheur und musste doch ein bisschen über mich selbst lachen. Da bin ich nun, fast 60 Jahre alt, und kämpfe mit einem blauen Kinn auf Papier. Ich habe dann versucht, es mit einem sauberen, feuchten Pinsel wegzutupfen, was bei gutem Papier zum Glück meistens klappt.

Lasuren: Die Haut zum Atmen bringen
Mein persönlicher 'Aha-Moment' kam, als ich aufhörte, die perfekte Hautfarbe auf der Palette mischen zu wollen. Mein Tipp für dich: Mische sie direkt auf dem Papier. Das nennt man Lasieren. Man legt eine ganz helle Schicht Gelb-Ocker an, lässt sie komplett trocknen (Geduld ist die Tugend der Rentner, sage ich mir immer), und geht dann mit einem sehr verdünnten Rosaton darüber. Durch die Transparenz der Aquarellfarben mischen sich die Töne im Auge des Betrachters.
Dadurch bekommt die Haut eine Tiefe, die man mit einer einzigen Farbschicht nie erreichen würde. Es ist fast wie beim Kochen einer guten Suppe – die Aromen müssen sich auch erst verbinden. Wenn man dann noch lernt, wie man die Augen lebendig gestaltet, fängt das Porträt plötzlich an, einen anzusehen. Letzten Sonntag kam mein Enkel kurz vorbei, schaute auf meinen Tisch und sagte: 'Oma, das sieht ja aus wie Tante Julia!' Das war das schönste Kompliment, das ich bekommen konnte, auch wenn die Nase noch ein bisschen schief war.
Ein Blick in mein Sonntagstagebuch
Heute, Anfang Juli 2026, blicke ich auf die letzten Monate zurück. Mein Porträt ist immer noch nicht perfekt. Die Proportionen wackeln manchmal, und ab und zu wird eine Wange doch wieder zu fleckig, weil ich zu ungeduldig war und die Schichten nicht lange genug habe trocknen lassen. Aber die Haut 'atmet' jetzt. Sie wirkt nicht mehr wie Plastik, sondern wie etwas Lebendiges.
Ich habe gelernt, dass es nicht darauf ankommt, teure Atelierbesitzerin zu sein oder Kunst studiert zu haben (ich war ja 'nur' für Deutsch und Sachunterricht zuständig). Es geht um das Beobachten. Wie fällt das Licht auf die Schläfe? Wo spiegelt sich ein bisschen vom blauen Pullover im Schatten der Wange wider? Wenn du dich auch an Porträts wagst: Hab keine Angst vor den Farben. Trau dich, ein bisschen Blau oder Violett in die Schatten zu mischen. Und wenn es schiefgeht? Dann ist es eben ein Blatt Papier. Wir haben jetzt die Zeit, Fehler zu machen. Das ist das Schöne am Ruhestand.