Aquarell Sonntag

Einen Aquarell Farbkreis selber malen und Farben besser verstehen lernen

Eine Sudoku-App langweilt mich nach einem Monat, ein Farbkreis aus drei Grundfarben langweilt mich bis heute nicht. Das war meine erste Lektion in Sachen Farbenlehre für Anfänger, seit mir der Ruhestand auf einmal leere Vormittage und Lust auf einen kreativen Neuanfang schenkte. Kein Stundenplan mehr, kein Klassenbuch, nur ein Sonntagstagebuch mit Wasserflecken und die Frage, warum meine Mischtechniken oft mehr nach Main-Schlamm als nach Frühlingswiese aussahen.

Ein Zirkel, ein Kreis, zwölf Felder

Der Anstoß kam aus dem Kurs. In Woche 10 von Timothy90s Online-Kurs tauchte das Kapitel zur Farblehre wieder auf, und ich dachte zuerst, das kenne ich doch schon aus dem Sachunterricht. Damals habe ich mit Kindern bunte Pappkreisel gebastelt und über Regenbogen geredet. Aber Wissen im Kopf malt noch lange keine leuchtenden Bilder auf Papier.

Walpurga Kiefer aus dem Kursforum schrieb mir in derselben Woche, ihr Gelb wirke ganz anders als meins – bei ihr in Österreich falle das Licht am Arbeitsplatz einfach anders ein. Das brachte mich auf die Idee, den Farbkreis nicht nur anzuschauen, sondern selbst zu bauen.

Zuerst kam der Zirkel zum Einsatz. Die alte Lehrerin in mir wollte Ordnung, bevor die Farbe überhaupt ins Spiel kam. Ich habe einen Kreis gezogen und ihn in zwölf Felder geteilt, wie man es von den meisten Farbkreisen kennt. Wer sich beim Zeichnen des Kreises noch unsicher fühlt, findet in meinen Gedanken zu einfachen Vorzeichnungen für Aquarellbilder ohne Angst vor dem Bleistift ein paar Anhaltspunkte.

Bleistift-Vorzeichnung für einen zwölfteiligen Aquarell Farbkreis, Farbenlehre für Anfänger auf dickerem Aquarellpapier

Farbenlehre für Anfänger: Warum wird aus Blau und Gelb Matsch?

Alles beginnt mit drei Grundfarben im Kasten: Gelb, Rot und Blau. Bevor der erste Pinselstrich fiel, drückte ich das Blatt einmal flach auf den Tisch – die Fingerkuppen spürten sofort, wie viel gröber sich das dickere Papier anfühlte als das dünne Skizzenpapier, das ich früher benutzt habe. Ich nehme für solche Übungen inzwischen immer das schwerere 300-Gramm-Papier – warum genau, ist eine andere Geschichte für ein anderes Blatt.

Gelb kam zuerst aufs Papier. Nass gestrichen über das raue Korn hat fast etwas Kratziges, bis die erste Lasur die Fasern glättet – wie Kreide, die weich wird. Dann folgte Blau, tropfenweise, bis aus den beiden ein Grün entstand, das mal an Frühlingswiese erinnerte und mal eher an das, was nach Regen im Main schwimmt.

In derselben Woche 10 hielt ich das nasse Blatt testweise gegen das Fensterlicht. Die blaue Pfütze in der Mitte trocknete genauso hell durch wie am Rand – keine große Erleuchtung, nur eine kleine Beobachtung, die ich mir für die nächste Mischung gemerkt habe. Zu viel Wasser macht die Farbe heller und durchscheinender, zu wenig lässt sie stumpf und schwer wirken.

Mischtechniken in Aquarell: Blau und Gelb auf der Palette ergeben unterschiedliche Grüntöne

Ein roter Tropfen bringt den Plan durcheinander

Nicht alles verlief nach Plan. Während ich mich auf ein sauberes Orange konzentrierte, löste sich ein roter Tropfen vom Pinselstiel und rollte mitten in das gelbe Feld. Ein knalliges, ungewolltes Orange entstand genau dort, wo keins hinsollte. Früher hätte mich das geärgert. Heute lächle ich darüber – es ist ein Sonntagstagebuch, kein Hochglanzmagazin.

Solche Flecken lassen sich oft mit einem sauberen, feuchten Tuch aufsaugen, wie ich in meinen Notizen zum Thema Aquarell-Fehler korrigieren beschrieben habe. Diesmal habe ich den Fleck aber stehen lassen. Er erinnert mich daran, dass Wasser seinen eigenen Kopf hat.

Missglückter roter Farbtropfen im gelben Feld des Aquarell Farbkreises, ein typischer Anfängerfehler beim Mischen

Komplementärfarben und ihr Effekt auf Schatten

Die größte Überraschung kam bei den gegenüberliegenden Farben im Kreis. Komplementärkontrast klang für mich zuerst nach einer Vokabel, die man nur für die Prüfung lernt. Aber als ein winziger Klecks Orange ein zu dominantes Blau brach und daraus ein lebendiges Schattenblau machte, sah ich zum ersten Mal, wie flach meine Schatten bisher eigentlich aussahen.

Statt Schwarz oder Grau mische ich der Farbe jetzt einfach ihr Gegenüber bei. Das gibt dem Bild eine Tiefe, die vorher fehlte. Diese Tiefe entsteht übrigens auch, wenn man Farbschichten nacheinander aufträgt, aber das ist ein eigenes Thema für einen anderen Sonntag. Wer sich für die Eigenschaften einzelner Pigmente interessiert, findet in meiner Referenz zur Aquarellfarben-Übersicht eine Übersicht, welche Farben deckend und welche eher lasierend wirken.

Weniger Farben bedeuten mehr Verständnis

Man braucht keinen Kasten mit 48 Farben, das habe ich durch diese Übung gelernt. Eine große Auswahl führt eher dazu, dass man sich im Mischen verliert und am Ende nur grauen Matsch auf dem Papier hat. Fünf oder sechs Farben reichen, um deren Charakter wirklich kennenzulernen.

Am Telefon erzählte mir eine Freundin an diesem Sonntag, dass sie gerade ihr drittes Sauerteigbrot nach einem alten Familienrezept aus dem Ofen geholt hatte, während ich noch am dritten Grünton saß. Zwei Ruheständlerinnen, zwei Rezepte – ihres mit Mehl und Zeit, meines mit Wasser und Geduld. Nass-in-Nass-Techniken hebe ich mir für andere Sonntage auf, an diesem ging es nur ums Mischen auf der Palette.

Den Farbkreis als Sonntagskompass nutzen

Der Farbkreis war fertig, nicht perfekt: Ein Rand ist ausgefranst, das Rot ist ein wenig ins Violett gelaufen. Trotzdem hängt er jetzt mit einem Magneten in der Küche, direkt neben dem Kalender. Der Sonntagvormittag zwischen sieben und neun gehört inzwischen ganz selbstverständlich dem Aquarell – wie das angefangen hat, ist eine andere Geschichte.

Fertiger, leicht gewellter Aquarell Farbkreis hängt mit einem Magneten in der Küche als Farbkompass

Was bleibt, ist eine einfache Regel, die ich mir für jeden neuen Farbtopf notiert habe: Lieber wenige Farben gut verstehen als viele Farben nur besitzen. Nächsten Sonntag nehme ich dieses Wissen über Grüntöne mit an den Alten Kranen am Main – mal sehen, ob die Weidenzweige dort freundlicher aussehen als in meinem Kopf.

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