Aquarell Sonntag

Richtig Augen zeichnen lernen für Anfänger und Porträts lebendig gestalten

Ein gemaltes Auge wirkt manchmal wie ein Knopf aus dem Nähkästchen, obwohl schon wochenlang an der Form geübt wurde. Dieses Phänomen begleitet vermutlich jede und jeden, der im Ruhestand mit neuer Kreativität noch einmal Pinsel und Papier in die Hand nimmt. Augen malen gilt unter Aquarell-Anfängerinnen als die Königsdisziplin beim Porträt-Zeichnen, und die gängige Antwort in den meisten Anleitungen lautet: mehr Präzision, mehr Detail, mehr Wissen über die Anatomie.

Vor Kurzem habe ich mich an eine Menschenzeichnung als Anfängerin gewagt, heute sind die Augen dran – und genau die halte ich für das eigentliche Nadelöhr beim Porträt.

Diese verbreitete Antwort mit der Präzision ist mein Hauptverdächtiger dafür, warum so viele Anfängerinnen am Küchentisch irgendwann die Lust an Porträts verlieren. Mehr Präzision macht ein Auge nicht lebendiger, sondern trockener, platter, toter. Der Blick, der ein Gesicht erst zum Menschen macht, entsteht nicht aus Anatomie-Wissen, sondern aus dem, was auf dem Papier bewusst frei bleibt.

Der Sonntagvormittag am Küchentisch ist längst zu meiner festen Zeit geworden – der runde Tisch hat an der Fensterkante schon eine helle Stelle, an der der Lack nicht mehr richtig hält, das Fenster zum Osten steht selbst im Winter oft einen Spalt offen, und die Kaffeetasse aus Porzellan wandert wie von allein links neben den Aquarellblock. Auf dem schmalen Brett gegenüber warten die Blätter der letzten Wochen aufs Trockenwerden. Wie das alles überhaupt angefangen hat, ist eine andere Geschichte.

Bevor der Kasten mit den Aquarellfarben auf den Tisch kam, stand hier kurz ein Töpferkurs auf dem Programm. Die Hände waren am Ton einfach zu unruhig, das Ergebnis eher schief als rund, und ich habe es nach kurzer Zeit wieder aufgegeben. Beim Pinsel ist das anders, vielleicht, weil Wasser mehr verzeiht als feuchter Ton. Wie ich mit den unweigerlichen Missgeschicken beim Aquarellieren generell umgehe, ist wieder eine andere Geschichte.

Der Irrtum mit der Anatomie: Warum Fachwissen allein nicht reicht

Klar gibt es für alles am Auge Fachbegriffe – wer es genau wissen will, findet die vollständige Anatomie des Auges mit ein paar Klicks im Netz. Nur: Beim Malen am Küchentisch hilft mir dieses Wissen erstaunlich wenig. Ich habe Fachartikel gelesen, mir Begriffe notiert, Verhältnisse studiert – und trotzdem sahen meine ersten gemalten Gesichter aus wie Masken. Der Fehler steckte nicht im fehlenden Wissen, sondern in der Annahme, korrektes Wissen führe automatisch zu einem lebendigen Bild.

Augen malen ohne Perfektionsdruck: Der Blick fürs Weglassen

Was wirklich hilft, ist eine andere Frage: nicht „was muss ich noch hinzufügen", sondern „was darf unberührt bleiben". Am Auge ist das eine winzige Stelle in der Iris, die unangetastet bleibt. Das reine, unbehandelte Weiß des Papiers wird dort zum Lichtpunkt, und genau dieser ausgesparte Fleck entscheidet, ob ein Blick lebt oder erstarrt.

Wichtig dabei: Der Lichtpunkt sollte auf beiden Augen ungefähr in dieselbe Richtung zeigen. Setzt du ihn wahllos, schielt das Porträt oder wirkt abwesend. Das ist mir bei meinen Reiseskizzen unterwegs mehr als einmal passiert, weil im Zug die Ruhe fehlt – am Küchentisch dagegen habe ich alle Zeit, die ich brauche.

Für die Übung nehme ich inzwischen festeres Papier, weil dünneres sich bei so viel Wasser schnell wellt. Welches Papier für Anfänger wirklich taugt, ist eine eigene Geschichte für ein andermal. Wie Nass-in-Nass am Küchentisch im Detail funktioniert, erzähle ich ebenfalls an anderer Stelle ausführlicher. Die groben Proportionen lege ich vorher mit einfache Vorzeichnungen für Aquarellbilder fest, den Rest überlässt dann das Wasser dem Zufall.

Augen malen für Anfänger: Nahaufnahme eines Aquarellauges mit weichem Schatten auf strukturiertem Papier

Was passiert, wenn Augenweiß nicht ganz weiß bleibt?

Ein zweiter Irrtum betrifft die Farbe des Sichtbaren: reines Weiß aus der Palette lässt ein Auge sofort flach und wie aus Plastik wirken. Ich mische mir stattdessen ein sehr zartes Blaugrau, kaum mehr als ein Hauch Ultramarin in viel Wasser, und tupfe es in die Augenwinkel. Mehr Erklärung braucht es nicht: Irgendwo muss ein Schatten hin, sonst bleibt das Auge tot.

Bei der Iris selbst nehme ich meist gebranntes Siena mit einem Tropfen Indigo und lasse die Farbe etwas heller antrocknen, als sie nass wirkt. Wie stark Aquarellfarben beim Trocknen aufhellen und wie man sie in Schichten aufbaut, ist ein eigenes Kapitel, das an anderer Stelle steht.

Porträt-Zeichnen mit Aquarell: Pinsel setzt den Lichtpunkt im gemalten Auge

Im Hofgarten beobachten, was ein Foto nicht zeigt

Manchmal nehme ich mein Skizzenheft mit in den Hofgarten der Residenz Würzburg und setze mich eine Weile auf eine Bank, um Gesichter in Bewegung zu beobachten – wie Augen blinzeln, wie sie sich zusammenziehen, wenn jemand lacht. Kein Foto zeigt das so genau wie ein paar Minuten Beobachtung zwischen Hecken und Kieswegen. Zurück am Tisch male ich dann nicht mehr nach starrem Vorbild, sondern nach dem, was im Kopf hängen geblieben ist.

Meine frühere Kollegin Gerhild Messing hat mir vor einer Weile ein Foto von einem ihrer eigenen Bilder geschickt, ganz ohne Kommentar dazu, wie es bei ihr oft ist. Die Augen darauf waren weder symmetrisch noch anatomisch korrekt – und trotzdem lebendiger als jeder meiner braven ersten Versuche. Das hat mich mehr überzeugt als jede Anleitung.

In den Kommentaren schreibt seit einer Weile eine Leserin namens Heidlinde Fuchs, die im Lernprozess noch ein Stück hinter mir liegt. Neulich fragte sie, welches Buch die Proportionen des Auges am besten erklärt. Meine Antwort war vermutlich nicht die, die sie erwartet hat: Kauf dir das Buch ruhig, wenn dich das Thema interessiert, aber für ein lebendiges Porträt brauchst du eher Mut zur Lücke als ein Lehrbuch.

Die eine Regel, die bei mir hängengeblieben ist

Was bei mir hängengeblieben ist, lässt sich in einem Satz sagen: Ein Auge wird nicht lebendig durch das, was du hinzufügst, sondern durch das, was du wegnimmst oder gar nicht erst anfasst. An einem ruhigen Vormittag am Küchentisch hielt ich neulich den Pinsel über dem Papier und merkte, wie ruhig die Hand geworden war – kein Zittern mehr, die Linie floss einfach, ohne dass ich nachdenken musste. Genau in diesem Moment saß auch der Lichtpunkt im Auge meiner Tochter richtig, im ersten Versuch.

Die nächste Anleitung, die dir mehr Präzision beim Augen malen verspricht, darf ruhig mit Vorsicht gelesen werden. Frag dich stattdessen, was du auf dem Papier bewusst frei lassen kannst – genau dort, nicht in noch mehr Details, liegt der lebendige Blick, den jedes Porträt braucht.

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