Aquarell Sonntag

Richtig Augen zeichnen lernen für Anfänger und Porträts lebendig gestalten

An einem kühlen Sonntagmorgen im Mai sitze ich am Küchentisch, das Fenster zum Garten weit offen. Die Vögel draußen sind schon seit Stunden wach, und der Duft von frischem Kaffee mischt sich mit dem erdigen Geruch der Pigmente in meinem Kasten. Vor mir liegt ein Foto meiner Tochter aus Heidelberg, das sie mir neulich geschickt hat – sie lacht darauf, die Augen leicht zusammengekniffen. Doch auf meinem Papier sehen diese Augen noch aus wie zwei starre, dunkle Knöpfe ohne Seele.

Ich rühre nachdenklich in meiner Tasse und betrachte das Dilemma. Es ist jetzt fast zwei Jahre her, seit ich die Grundschule hinter mir gelassen habe, und doch lerne ich jeden Sonntag wieder etwas Neues über die Geduld. Letzte Woche habe ich mich an die Menschenzeichnung als Anfänger gewagt, und heute sind die Augen an der Reihe. Sie sind das Schwierigste, finde ich. Wenn sie nicht stimmen, erkennt man den geliebten Menschen nicht wieder, egal wie gut die Nase oder der Mund gelungen sind.

Vom starren Knopf zum lebendigen Blick: Mein Weg weg vom Bleistift

Ich erinnere mich noch gut an den trüben November letzten Jahres, als ich das erste Mal versuchte, ein Gesicht zu malen. Es sah furchtbar aus – wie eine Maske. Mein Fehler war damals, dass ich die Wimpern einzeln wie Sonnenstrahlen um das Auge herum gemalt hatte. Ein typischer Anfängerfehler, über den ich heute schmunzeln muss. Damals hatte ich auch einen Zeichenkurs pausiert, weil sich der harte Bleistift einfach falsch anfühlte. Er war mir zu technisch, zu streng für den weichen Ausdruck eines Gesichts.

Heute entscheide ich mich, die Augen nicht mehr starr zu 'zeichnen', sondern sie mit dem Pinsel und sanften Lasuren aus dem Schatten heraus zu entwickeln. Das leise Kratzen des Pinsels auf dem grobkörnigen 300 g/m² Papier beruhigt mich. Dieses schwere Papier ist wichtig, weil ich heute viel mit Wasser arbeiten möchte, und billiges Papier würde sich sofort wellen wie eine alte Schulbank. Ich habe gelernt, dass 100% Baumwollanteil bei der Papierqualität den Unterschied macht, wenn man Pigmente Schicht für Schicht auftragen will, ohne dass alles in einer schlammigen Pfütze endet.

Nahaufnahme eines gemalten Auges auf strukturiertem Aquarellpapier mit weichen Schatten.

Die Anatomie des Schattens: Warum Augenweiß nie weiß ist

Anfang März hatte ich eine kleine Erleuchtung. Ich saß im Zug nach Heidelberg, mein Skizzenbuch auf den Knien, und beobachtete die Mitreisenden. Dabei wurde mir klar: Das 'Weiße' im Auge ist fast nie weiß. In der klassischen Lehre lernt man zwar, dass der anatomische Augenabstand genau einer Augenbreite entspricht (also ein Verhältnis von 1:1), aber was viel wichtiger für die Lebendigkeit ist, ist die Kugelform.

Der Augapfel ist eine Kugel, die tief in der Augenhöhle sitzt und vom oberen Lid beschattet wird. Wenn ich also pures Weiß aus der Tube nehme, wirkt das Auge flach und künstlich. Stattdessen mische ich mir jetzt ein ganz zartes Blaugrau an. Ein Hauch von Ultramarinblau mit viel Wasser. Damit deute ich die Rundung an. Es ist faszinierend: Ein sanfter Schatten in den Augenwinkeln macht das Auge sofort dreidimensionaler. Während ich so vor mich hin male, denke ich an meine Zeit im Sachunterricht zurück – wie oft haben wir über die Anatomie des Auges gesprochen, und erst jetzt, mit dem Pinsel in der Hand, verstehe ich sie wirklich.

Der Zauber des Lichtpunkts und das Spiel mit der Iris

Der Wendepunkt an diesem Sonntagmorgen kommt, als ich mich an die Iris wage. Ich weiß mittlerweile, dass die Iris beim natürlichen Blick fast immer oben leicht vom Augenlid überschnitten wird. Wenn man den ganzen Kreis malt, sieht die Person erschrocken aus – als hätte sie gerade die Nachricht über eine unangekündigte Schulrat-Visite erhalten.

Ich tupfe vorsichtig eine Mischung aus Siena gebrannt und einem Tropfen Indigo auf das Papier. Aquarellfarben haben die Eigenschaft, dass sie etwa 20 bis 30 Prozent heller auftrocknen, als sie im nassen Zustand erscheinen. Deshalb darf man anfangs ruhig ein bisschen mutiger sein. Aber der wahre Zauber geschieht durch das, was ich *nicht* male. Ich lasse eine winzige Stelle im oberen Quadranten der Iris komplett unberührt. Das reine Weiß des Papiers wird zum Lichtpunkt.

Plötzlich scheint das Porträt mich anzusehen. Es ist nur ein kleiner Funke, ein winziger Fleck, aber er bringt Leben zwischen Wasser und Pigment. Ein wichtiger Tipp, den ich mir mühsam erarbeitet habe: Dieser Glanzpunkt sollte auf beiden Augen in die gleiche Richtung zeigen. Wenn man sie wahllos setzt, wirkt der Blick schielend oder verloren. Bei meinen Reiseskizzen unterwegs ist mir das oft passiert, weil der Zug gewackelt hat, aber hier am Küchentisch habe ich die nötige Ruhe.

Detailaufnahme einer Aquarellpalette und eines Pinsels, der einen Lichtpunkt im Auge setzt.

Warum Perfektion der Feind der Lebendigkeit ist

Hier kommt mein ganz persönlicher Rat, den man in kaum einem Lehrbuch findet: Statt sich auf präzise Symmetrie zu versteifen, sollten wir Anfänger gezielt kleine Unterschiede einbauen. Kein Gesicht ist perfekt symmetrisch. Wenn wir versuchen, beide Augen exakt gleich zu malen, entsteht dieser starre, tote Blick, den man von Schaufensterpuppen kennt. In der Schule habe ich meinen Schülern immer gesagt, dass Fehler zum Lernen dazugehören. Jetzt sage ich mir selbst: Ein leicht tiefer sitzendes Lid oder eine etwas andere Schattierung am linken Auge macht das Gesicht erst menschlich.

Ich nutze oft einfache Vorzeichnungen für Aquarellbilder, um die groben Proportionen festzulegen, aber die Details überlasse ich dem Wasser. Wenn die Farbe verläuft, entstehen manchmal Schatten, die ich so gar nicht geplant hatte, die aber perfekt die Falten um die Augen meiner Tochter wiedergeben – diese kleinen Lachfältchen, die ich so sehr liebe.

Ein kühler Kaffee und ein vertrauter Blick

Es ist jetzt kurz vor neun. Mein Kaffee ist längst kalt geworden, und eine kleine Pfütze gelber Farbe ist mir auf das Tischtuch getropft – die Nachbarin wird es mir verzeihen, es ist ja nur Wasserfarbe. Aber wenn ich jetzt von meinem Blatt aufsehe und dann wieder zurück, dann ist da dieser Moment: Das Bild meiner Tochter hat zum ersten Mal diesen einen, vertrauten Blick.

Es ist nicht perfekt. Die Wimpern sind immer noch ein bisschen zu dick geraten, und die linke Augenbraue wirkt etwas struppig. Aber es ist wahrhaftig. Es ist keine anatomische Studie aus einem Lehrbuch, sondern ein Moment meines ganz persönlichen Porträtwegs. Ich klappe meinen Kasten zu, wasche die Pinsel aus und freue mich schon auf den nächsten Sonntag. Vielleicht traue ich mich dann an die Hände – aber das ist eine andere Geschichte voller kleiner Missgeschicke und neuer Geduld.

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