
Meine ersten drei Pinselstriche auf einem frischen Blatt sind inzwischen fast immer dunkel, nie hell. Für eine Aquarell-Anfängerin klingt das erstmal falsch – man will sich doch vorsichtig herantasten, mit dem Zarten beginnen, das Dunkle für später aufheben. Genau dieser Reflex ist der Denkfehler, der die meisten Bilder flach und leblos aussehen lässt. Licht und Schatten gehören von der ersten Minute an ins Bild, nicht als Dekoration, die man am Ende noch schnell drüberlegt.
Heidlinde Fuchs, die hier schon länger mitliest, hat neulich zwei Zeilen in die Kommentare geschrieben, mehr nicht: Warum sehen meine Schatten immer aus wie schmutziges Grau, und woher weiß man überhaupt, wo sie hingehören? Genau diese zwei Fragen fassen ziemlich gut zusammen, woran fast jede und jeder beim Malen von Licht und Schatten hängenbleibt.
Schatten kommt nicht zum Schluss
Der Fehler passiert fast immer am Anfang eines Bildes. Man mischt ein freundliches Mittelblau oder ein blasses Umbra, tastet sich mit hellen Tönen vor und hebt sich das eigentlich Dunkle für den Schluss auf – wie eine Garnierung, die man kurz vor dem Servieren noch obendrauf setzt. Das Ergebnis ist fast immer matschig, weil die hellen Bereiche längst getrocknet und festgelegt sind, wenn der Schatten dann plötzlich dazwischenfunkt.
Inzwischen mache ich es andersherum. Bevor ich mich für einen einzigen hellen Ton entscheide, suche ich die Stelle, an der zwei Kanten im schärfsten Winkel aufeinandertreffen – eine Mauer und ein Gehweg, ein Ast und eine Hauswand. Dort sitzt fast immer der tiefste Schatten, und dort setze ich zuerst an. Auf einem Spaziergang am Sanderglacis fällt mir das ständig auf, an ganz gewöhnlichen Ecken, an denen sonst niemand stehen bleibt.
Bevor überhaupt Wasser aufs Papier kommt, halte ich diesen Punkt oft schon mit einer ganz leichten Bleistiftlinie fest, fast unsichtbar. Wie man sich ohne Angst vor dem Bleistift eine einfache Vorzeichnung zutraut, habe ich in einem anderen Eintrag beschrieben – das hilft enorm dabei, den dunkelsten Punkt nicht erst mitten im nassen Chaos suchen zu müssen.
Dickeres Papier verzeiht dabei mehr, weil es die frühen dunklen Flächen ohne Wellen übersteht, aber welches Papiergewicht für den Anfang wirklich taugt, ist nochmal ein eigenes Thema.

Ist ein Schatten wirklich nur graues Wasser?
Viele denken, ein Schatten sei einfach die gleiche Farbe, nur mit mehr Wasser und einem Schuss Schwarz verdünnt. Das stimmt so gut wie nie. Ein Schatten trägt fast immer einen eigenen Farbton in sich, mal kühler, mal wärmer als das Licht daneben, je nachdem, was in der Nähe reflektiert. Bei einer gelben Frucht wirkt der Schatten oft nicht grau, sondern eher violett – genau das siehst du auf dem Bild oben.

Wie weich oder hart die Kante eines Schattens wirkt, hängt außerdem davon ab, ob das Papier beim Farbauftrag noch nass ist oder schon getrocknet – das ist eine Technik für sich, die ich an anderer Stelle ausführlicher zeige. Für richtig tiefe, satte Schatten lege ich meistens mehrere dünne Schichten übereinander, statt einmal kräftig zuzupinseln, aber auch das ist nochmal ein eigenes Kapitel.
Eine Maltechnik-Grundlage, die kaum jemand erklärt
Genauso hartnäckig hält sich die Vorstellung, man müsse die hellsten Stellen im Bild extra mit weißer Farbe auftragen. Meistens stimmt das nicht. Im Aquarell ist die hellste Fläche fast immer das nackte Papier selbst, und wie man diese Stellen von Anfang an schützt, statt sie aus Versehen zu übermalen, ist wieder eine andere Geschichte.
Sogar Hände, vor denen sich fast jede Anfängerin fürchtet, wirken auf einmal machbarer, wenn man nur in Licht- und Schattenflächen denkt statt in Umrissen. Wie man sich an Hände zeichnen als Anfänger ohne Frust herantasten kann, steht in einem anderen Eintrag. Zeichnen und Malen sind für mich ohnehin zwei ziemlich unterschiedliche Baustellen, und warum mir das Zeichnen als Erwachsene schwerer fällt als das Malen, ist ein Thema für sich.
Vom Kreuzstich zum Aquarell
Bevor ich beim Aquarell gelandet bin, habe ich einen Kreuzstich-Kurs an der Volkshochschule ausprobiert. Nach zwei Abenden habe ich wieder aufgehört, die Muster waren mir schlicht zu winzig für meine Augen und meine Geduld. Gerhild Messing, eine ehemalige Kollegin, hat mir kurz vor meiner Pensionierung fast beiläufig vom Aquarellmalen erzählt, ohne großes Aufheben, wie sie das eben macht. Seit zwei Jahren sitze ich nun sonntags mit Farbkasten und Wasserglas am Küchentisch, und diese eine, leicht hingeworfene Empfehlung hat mir im Ruhestand mehr gebracht als der Kurs davor.
Neulich habe ich den Pinsel weggelegt, weil meine Hand müde war, und erst da gemerkt, dass ich kein einziges Mal auf die Uhr geschaut hatte, seit ich angefangen hatte. Das passiert mir nie, wenn ich mich nur an helle, vorsichtige Töne halte. Es passiert erst, wenn ich mich an den Schatten herantraue.
Und wenn aus einem zu dunkel geratenen Schatten am Ende doch nur ein Klecks wird? Auch dafür gibt es einen Weg zurück, den ich an anderer Stelle aufgeschrieben habe. Wie der Sonntagvormittag überhaupt zu meinem festen Malmoment wurde, ist wieder eine eigene Geschichte. Wer tiefer in die Mischungen selbst einsteigen will, dem hilft es, einen Aquarell-Farbkreis selbst zu malen und Farben von Grund auf zu verstehen – dort erkläre ich das ausführlicher. Die Regel, die bei mir hängengeblieben ist, bleibt trotzdem simpel: Leg den dunkelsten Punkt zuerst fest und arbeite dich von dort zum Licht hin, nicht umgekehrt. Schatten ist kein Zubehör, das man am Ende noch dazugibt. Er ist das Gerüst, an dem der Rest des Bildes hängt.