Aquarell Sonntag

Licht und Schatten in Aquarellbildern richtig setzen als Einsteiger

An einem sonnigen Sonntagmorgen am Küchentisch fiel das Licht so schräg auf meine Kaffeetasse, dass der Schatten länger war als die Tasse selbst. Es war einer dieser Momente, in denen ich innehielt, den Pinsel kurz ablegte und einfach nur schaute. Als pensionierte Deutschlehrerin habe ich Jahrzehnte damit verbracht, Texte zu analysieren, aber das Licht auf einer Keramikoberfläche zu verstehen, das ist eine ganz andere Form von Grammatik. Ich begriff plötzlich, dass ich Schatten bisher immer nur 'dazugemalt' habe, statt sie wirklich zu beobachten. Er war nicht einfach nur grau; er hatte eine Form, eine Tiefe und eine ganz eigene Geschichte.

Seit ich im Juli 2024 meine letzte Grundschulklasse verabschiedet habe, suche ich nach dieser neuen Art des Sehens. In den ersten Monaten ohne Klassenbuch war es still in meiner Würzburger Wohnung, fast zu still. Das Aquarellmalen hat diese Stille gefüllt, aber am Anfang war alles sehr flach. Ich erinnere mich noch an den letzten Februar, als draußen alles grau in grau war und ich versuchte, ein paar Äpfel aus der Obstschale zu malen. Sie sahen aus wie bunte Aufkleber auf dem Papier. Keine Wölbung, kein Gewicht. Ich hatte schlichtweg Angst vor den dunklen Farben. Ich blieb in einem vorsichtigen Mittelblau oder einem blassen Umbra, weil ich dachte, ich würde das Bild ruinieren, wenn ich zu mutig werde.

Die Angst vor der Dunkelheit überwinden

Vielleicht kennst du das auch: Man hat diese wunderschönen 12 Grundfarben in seinem Kasten und traut sich kaum an die dunklen Näpfchen heran. Man möchte alles zart und 'aquarellig' halten. Aber genau da liegt der Hund begraben. Ohne Schatten gibt es kein Licht. Mein Wendepunkt war ein frustrierendes Erlebnis vor etwa drei Wochen. Ich wollte eine Zitrone malen, die am Ende wie ein flacher gelber Pfannkuchen aussah. Ich hatte nur Gelb benutzt und ein bisschen helles Grün. Ich traute mich einfach nicht, Indigo oder ein tiefes Violett beizumischen, um die Rundung zu betonen. In diesem Moment fühlte ich mich wie eine Schülerin, die vor einer schweren Matheaufgabe sitzt – man weiß, was zu tun ist, aber die Hand zögert.

Nahaufnahme eines Aquarell-Farbkastens mit 12 Farben und einem alten Marmeladenglas als Wasserbehälter.

Ich habe dann gelernt, dass Schatten in der Natur selten einfach nur Grau oder Schwarz sind. Wenn man sich traut, die Komplementärfarbe des Lichts in den Schatten zu mischen, fängt das Bild plötzlich an zu atmen. Während draußen der erste Frühlingsregen gegen die Fensterscheibe klopfte, experimentierte ich mit Violett-Tönen in den Schattenbereichen meiner gelben Zitrone. Es war magisch. Plötzlich war da eine Kugel, kein Pfannkuchen mehr. Man muss sich klarmachen, dass Aquarellfarben etwa 20 bis 30 Prozent heller auftrocknen, als sie im nassen Zustand aussehen. Was auf dem Papier erst wie ein tiefer Abgrund wirkt, ist nach dem Trocknen oft nur ein sanfter Akzent.

Das Geheimnis des weißen Papiers

Anfang Mai war ich zu Besuch bei meiner Tochter in Heidelberg. Wir saßen in einem kleinen Café am Neckar, und ich hatte mein Skizzenbuch dabei. Dort fiel mir etwas auf, das ich in den Online-Kursen von Timothy90 immer wieder gehört, aber nie wirklich verinnerlicht hatte: Die hellsten Stellen im Bild sind einfach das nackte, weiße Papier. Früher habe ich pflichtbewusst jede Stelle übermalt, weil ich dachte, eine leere Stelle sei ein Fehler. Aber im Aquarell gibt es kein deckendes Weiß, das wirklich strahlt. Das Licht ist das Papier selbst.

Ich benutze mittlerweile immer Papier mit einem Flächengewicht von 300g/m². Das ist stabil genug, um auch mal mehr Wasser auszuhalten, ohne dass es sich sofort wie eine alte Wellpappe verbiegt. Wenn man die hellsten Glanzlichter – die sogenannten Highlights – einfach 'stehen lässt', bekommt das Bild eine Brillanz, die man mit keinem Farbauftrag der Welt erreichen kann. Es erfordert Disziplin, das weiß ich. Manchmal juckt es mich in den Fingern, doch noch einmal mit dem Pinsel über diese eine weiße Stelle zu huschen. Aber ich sage mir dann immer: Renate, Geduld! Ein guter Lehrer weiß, wann er schweigen muss, und ein guter Maler weiß, wann er die Farbe weglässt.

Falls du dich noch unsicher fühlst, wie du dein Motiv überhaupt aufs Papier bringst, habe ich neulich etwas über Einfache Vorzeichnungen für Aquarellbilder ohne Angst vor dem Bleistift geschrieben. Das hat mir geholfen, die Struktur für Licht und Schatten besser zu planen, bevor der erste Tropfen Wasser das Papier berührt.

Ein ungewöhnlicher Tipp: Schatten zuerst?

Jetzt kommt etwas, das vielleicht gegen alles spricht, was man intuitiv machen möchte: Höre auf, Schatten erst ganz am Ende zu malen. Ich habe lange Zeit versucht, erst alles hell zu kolorieren und dann ganz zum Schluss 'den Schatten drüberzulegen'. Das Ergebnis war meistens matschig. Mein neuer Ansatz, den ich letzten Sonntagvormittag ausprobiert habe, ist anders. Ich platziere die dunkelsten Akzente schon recht früh im Malprozess. Das gibt dem Bild eine Struktur und ein Gerüst, bevor die restlichen Aquarellfarben unkontrolliert ineinanderfließen können.

Es ist ein bisschen wie beim Korrigieren von Aufsätzen: Wenn man die groben Strukturfehler zuerst findet, kann man sich danach in Ruhe um die schönen Formulierungen kümmern. Wenn ich weiß, wo der tiefste Schatten sitzt, habe ich einen Ankerpunkt für den Rest des Bildes. Dabei achte ich immer auf die Qualität meiner Materialien; mein Farbkasten trägt zum Beispiel die ASTM D4236 Zertifizierung, was mir ein gutes Gefühl gibt, dass ich mit sicheren Pigmenten arbeite, während ich daheim an meinem Küchentisch sitze.

Detailaufnahme einer gemalten Zitrone im Aquarellstil mit tiefen violetten Schatten für mehr Dreidimensionalität.

Ein kleiner Tipp für den Alltag: Wenn du am Malen bist, spüre mal bewusst in dich hinein. Das kühle Gefühl des feuchten Pinsels an meinem Handrücken, wenn ich die überschüssige Farbe abstreife, beruhigt mich ungemein. Und dieses leise Klirren, wenn der Pinsel den Rand des alten Marmeladenglases berührt, das ich als Wasserbehälter zweckentfremdet habe – das ist für mich der Klang von Freiheit im Ruhestand. Es muss nicht perfekt sein. Es muss sich nur richtig anfühlen.

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die den Unterschied machen. Wenn man lernt, Licht und Schatten nicht als Gegner, sondern als Partner zu sehen, verlieren auch die schwierigen Motive ihren Schrecken. Sogar das Malen von Körperteilen wird einfacher, wenn man nur in Lichtflächen und Schattenformen denkt. Ich habe mich vor kurzem sogar daran gewagt und gelernt, wie man Hände zeichnen lernen für Anfänger ohne Frust am Sonntagmorgen meistern kann, indem man genau diese Kontraste nutzt.

Mut zur Lücke und zur Tiefe

Zusammenfassend kann ich nur sagen: Hab keine Angst vor der Dunkelheit auf deinem Papier. Der Mut, auch mal ein tiefes Blau oder ein sattes Violett für einen Schatten zu nutzen, bringt dein restliches Bild erst richtig zum Leuchten. Und wenn es mal schiefgeht? Mein Enkel war neulich zu Besuch und schaute sich eines meiner misslungenen Bilder an – ein Baum, der eher wie ein dunkler Fleck aussah. Er sagte: 'Oma, das ist ein schöner Nachtbaum.' Er hatte recht. Es gibt keine Fehler, nur neue Perspektiven.

Wenn du tiefer in die Welt der Farben eintauchen willst, kann ich dir nur empfehlen, mal einen Aquarell Farbkreis selber zu malen und Farben besser verstehen zu lernen. Das hat mir geholfen zu verstehen, warum ein Schatten mit Komplementärfarben so viel lebendiger wirkt als ein Schatten aus einfachem Schwarz. Es ist eine Reise, die wir hier machen, Schritt für Schritt, Sonntag für Sonntag. Und am Ende zählt nicht das perfekte Galerie-Bild, sondern der Frieden, den uns das bewusste Beobachten von Lichtwellen an einem ganz normalen Morgen schenkt.

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