
Ein leeres Blatt schaut dich an, als würde es auf deinen ersten Fehler warten. Für viele, die Aquarell für Anfänger ausprobieren, ist genau das der schwerste Moment: nicht das Mischen der Farben, nicht der Pinsel, sondern der allererste Strich auf etwas, das noch makellos weiß daliegt. Eine Frau, die 35 Jahre lang vor Schulklassen stand, zögert plötzlich vor einem Stück Papier.
Die Antwort, die bei mir wirklich hilft, klingt fast albern einfach. Mein erster Strich am Sonntag ist nie Farbe. Er ist klares Wasser. Ich streiche den Bogen einmal feucht, bevor überhaupt ein Pigment ins Spiel kommt, und sobald das Papier glänzt und sich leicht wellt, ist es nicht mehr dieses einschüchternde Weiß — die Angst findet dann nichts mehr, woran sie sich festhalten könnte.
Dabei hätte ich früher nie geglaubt, dass ausgerechnet Malen mein Hobby im Ruhestand wird. Eine Kollegin hatte mir kurz vor dem Abschied aus der Schule davon erzählt, ganz beiläufig, fast im Vorbeigehen. Ein paar Monate später lag der erste Kasten auf dem Küchentisch, und der weiße Bogen Aquarellpapier davor kam mir vor wie eine Prüfung, die ich noch gar nicht angemeldet hatte.
Mein erster Strich ist immer Wasser
Das Vorgehen ist denkbar schlicht. Ich nehme den dicksten Pinsel, tunke ihn ins Glas und lasse das Wasser über das ganze Blatt laufen, bis es überall feucht schimmert. Aus dem heiligen, unantastbaren Bogen wird so ein Blatt in Arbeit — und ein Blatt in Arbeit macht mir keine Angst mehr.

Genau dieses nasse Blau, das in die feuchte Stelle hineinläuft und sich von selbst verteilt, kenne ich aus meinen Erfahrungen mit der Aquarell Nass-in-Nass Technik — darüber habe ich an anderer Stelle mehr geschrieben. Wichtig ist hier nur, dass das Wasser mir die erste Entscheidung abnimmt. Wo der erste Punkt landet, bestimmt zur Hälfte das Papier und nicht mein Kopf, der sonst alles vorher richtig haben möchte.
Das hielt vor dem Aquarell nicht
Malen war nicht mein erster Versuch, den stillen Vormittagen etwas Eigenes zu geben. Einen Kreuzstich-Kurs an der Volkshochschule habe ich nach zwei Abenden wieder abgebrochen — die Muster waren mir schlicht zu winzig, für meine Augen und für meine Geduld. Farbe auf nassem Papier verzeiht mehr als ein Faden, der exakt durch das richtige Loch muss.
Am Anfang dachte ich trotzdem, ich müsste erst alles verstehen, bevor ich loslegen darf. Brav habe ich meine Timothy90s Aquarell Online Kurs Erfahrungen gesammelt und jede Lektion der Reihe nach abgearbeitet. Spätestens um Woche 4 mit Timothy90 war allerdings klar: Theorie macht die Angst vor dem Blatt kein bisschen kleiner.
Ob ein Bogen eher dünn oder etwas fester ist, macht dabei durchaus einen Unterschied — aber das ist ein Kapitel für sich, und andere wissen darüber mehr zu erzählen als ich hier.
Ruckeln im Zug nach Heidelberg
Einen richtigen Schub gegen den Perfektionismus hat mir das Skizzenbuch gegeben. Regelmäßig fahre ich mit dem Zug zu meiner Tochter nach Heidelberg, und früher habe ich dabei nur aus dem Fenster geschaut. Heute kritzele ich unterwegs. Wenn der Waggon ruckelt, gelingt keine einzige gerade Linie — und genau das nimmt dem Anspruch die Luft.

Wer perspektivisch zeichnen lernt, merkt schnell, dass ein schiefes Fenster ein Haus nicht ruiniert. Ein Haus sieht auch dann wie ein Haus aus, wenn die Linien ein wenig wackeln. Der Charme steckt oft genau in dem, was nicht ganz stimmt.
Wenn eine Ecke daneben geht
Diesen Sonntag ist mir prompt eine Ecke misslungen. Zu viel Wasser, und das Blau lief zu einem trüben grauen Fleck zusammen, wo eigentlich eine Wolke werden sollte. Früher hätte ich das Blatt zerknüllt und den halben Vormittag geschmollt. Heute habe ich einfach weitergemalt und geschaut, was daraus wird.
Fehler als normale Phase zu nehmen — nicht als Versagen — ist für mich der eigentliche Schlüssel, um die Angst vor dem ersten Pinselstrich loszuwerden. Der graue Fleck von heute wird kein Meisterwerk, aber er hat mir den Vormittag nicht verdorben. Farben in mehreren Schichten übereinanderzulegen, damit ein Bild echte Tiefe bekommt, hebe ich mir für ruhigere Tage auf.

An einem der frühen Sonntage — es muss die fünfte Woche gewesen sein — ging ich vorher am Alter Kranen am Main entlang. In einer Pfütze zwischen den Pflastersteinen trocknete das Wasser zu genau dem hellen Blau, das ich zu Hause nie absichtlich hinbekam. Später hielt ich mein Blatt gegen das Licht und sah dasselbe Blau darin — seitdem macht mir der Gedanke, ein Blatt zu verderben, deutlich weniger aus.
Kreativität im Alter braucht keinen Rotstift
Jahrzehnte lang habe ich Diktate korrigiert und Aufsätze nach Kriterien bewertet — irgendwann wächst einem so ein unsichtbarer Rotstift im Kopf. Diesen Rotstift in den Ruhestand zu schicken, hat gedauert. Für mich ist das Aquarell heute eine kreative Beschäftigung für Rentner ohne Noten, ohne Richtig und Falsch, ohne Termin.
Neulich schrieb Heidlinde Fuchs, die seit einer Weile in den Kommentaren mitliest, eine ihrer kurzen Nachrichten ohne lange Einleitung: Wie ich es denn geschafft hätte, einfach anzufangen. Genau darum geht es. Inzwischen traue ich mich sogar an Dinge, vor denen ich lange zurückgeschreckt bin — vor Kurzem habe ich gelesen, wie man charakteristische Gesichter malen kann, ohne dass gleich eine Karikatur daraus wird.
Nimm den Pinsel, nicht den Zweifel
Falls du gerade selbst vor einem leeren Blatt sitzt und zögerst, nimm einfach den Pinsel und mach das Papier nass. Schenk dir noch einen Kaffee ein. Die Angst verschwindet nicht durch Nachdenken und auch nicht durch noch ein Video mehr. Sie verschwindet in dem Augenblick, in dem die Borsten das Papier berühren. Wie dieser Sonntagvormittag überhaupt zu meinem festen Ritual wurde, ist eine eigene Geschichte; heute genügt mir, dass die Notenvergabe für uns endgültig vorbei ist.