
Es ist kurz nach sieben an diesem Sonntagmorgen im Januar. Draußen drückt der graue Main-Nebel gegen meine Küchenfenster hier in Würzburg, und drinnen dampft mein zweiter Kaffee. Vor mir liegt ein Bogen Arches-Papier, 300 Gramm, wunderschön körnig. Und ich? Ich starre es an, als wäre es eine unangekündigte Schulrat-Visite.
Eigentlich sollte ich mich freuen. Ich habe Zeit. Ich habe Ruhe. Aber dieses Blatt Papier kostet etwa 1,80 Euro pro Bogen – ich habe es neulich im Fachgeschäft am Marktplatz gekauft, weil Timothy90 in seinem Online-Kurs meinte, gutes Papier mache den Unterschied. Jetzt liegt es da, so unschuldig und weiß, und ich fühle mich mit meinen 58 Jahren plötzlich wieder wie eine Studentin vor ihrer allerersten Lehrprobe. Ein falscher Strich und das Geld ist weg. Ein falscher Klecks und das Blatt ist ruiniert.
Das Erbe des Rotstifts
Ich glaube, nach 35 Jahren im Schuldienst trägt man eine Art unsichtbaren Rotstift im Kopf. Ich habe Tausende von Diktaten korrigiert und Aufsätze bewertet. Ich habe meinen Grundschülern immer gesagt: 'Traut euch, Fehler sind Helfer!' Aber wenn man dann selbst am Küchentisch sitzt und die Lehrerin zur Schülerin wird, vergisst man seine eigenen Ratschläge ganz schnell.
In diesem ersten Quartal 2026 habe ich genau 15 Sonntage am Küchentisch verbracht. Das sind insgesamt 30 Stunden reine Malzeit – immer von 7 bis 9 Uhr, bevor die Stadt richtig wach wird. Von den 15 Bögen, die ich in dieser Zeit verbraucht habe, sind 6 Versuche in der blauen Tonne gelandet oder dienen jetzt als Unterlage für Notizzettel. Das ist eine Fehlerquote, die ich früher in Mathe kaum durchgehen lassen hätte.
Ich erinnere mich an einen Moment Mitte Januar. Ich fuhr mit meinen Fingerspitzen über das kalte, raue Gefühl des Torchon-Papiers. Es fühlte sich so edel an, so endgültig. In meiner Magengrube breitete sich dieses flaue Gefühl aus, genau wie früher, wenn ich am ersten Schultag ein leeres Klassenbuch aufschlug. Die Angst, etwas Unwiderrufliches falsch zu machen, saß mit am Tisch.
Drei Sonntage des Zögerns
Drei Wochen lang im Februar habe ich mehr Zeit damit verbracht, die Wassertropfen in meinem Glas zu beobachten, als Farbe aufzunehmen. Ich habe die Pinsel sortiert, den Kasten gereinigt und aus dem Fenster auf die Festung Marienberg geschaut. Alles, nur um nicht den ersten Strich setzen zu müssen. Wenn man ein neues Hobby mit 50 plus findet, denkt man ja eigentlich, man sei über solche Leistungsängste erhaben. Weit gefehlt.
Jeder Pinselstrich wirkte in meinem Kopf so endgültig. Aquarell verzeiht wenig, das hatte ich schon in Woche 4 des Timothy-Kurses gelernt. Wenn das Pigment erst mal in der Faser sitzt, dann bleibt es dort. Diese Endgültigkeit war mein größter Feind.
Die 'Heidelberg-Lektion' oder: Das Papier zerstören
Der Wendepunkt kam durch eine ganz banale Übung aus meinem Videokurs für Reiseskizzen, den ich mir für die Fahrten zu meiner Tochter nach Heidelberg gegönnt habe. Der Lehrer sagte dort etwas, das mein Lehrerinnen-Herz erst mal zusammenzucken ließ: 'Zerstöre die Perfektion des Blattes, bevor du anfängst zu malen.'
Er meinte damit die Nass-in-Nass-Technik. Seit März mache ich es jetzt so: Bevor ich mir überhaupt überlege, welches Motiv ich male – ob es wieder die Bäume im Ringpark werden oder nur eine einfache Blume – flute ich das Blatt mit klarem Wasser.
- Ich nehme meinen dicksten Verwaschpinsel.
- Ich streiche großzügig klares Wasser über das teure 1,80-Euro-Papier.
- Das Weiß ist weg. Die Angst auch.
Indem ich das Papier nass mache, nehme ich mir selbst die Entscheidung für den 'ersten Strich' ab. Das Wasser arbeitet schon, bevor die Farbe kommt. Das Papier wellt sich ein bisschen (obwohl das 300g-Papier das eigentlich gut wegsteckt), und die unberührte, heilige Aura des leeren Bogens ist dahin. Es ist jetzt kein Kunstwerk mehr, das entstehen muss, sondern ein Experimentierfeld, das bereits reagiert.
Ein missglücktes Gelb und der Sieg am Ostersonntag
Natürlich schützt mich das nicht vor Misserfolgen. Letzte Woche, am 5. April – das war Ostersonntag – wollte ich Frühlingsboten malen. Mein Gelb war viel zu grell, es sah eher nach Textmarker aus als nach Osterglocke. Früher hätte mich das geärgert. Ich hätte den Sonntag als 'verloren' abgehakt.
Heute schaue ich auf das Bild und sehe: Das Weiß ist weg. Ich habe mich getraut. Mein Enkel war neulich zu Besuch, hat das Bild gesehen und meinte: 'Oma, das leuchtet wie die Sonne!' Er sieht keine perspektivischen Fehler oder zu harte Kanten, die beim Trocknen entstehen, wenn die Farbe ihre 30 % Leuchtkraft verliert. Er sieht nur, dass ich etwas gemacht habe.
Die Angst vor dem weißen Blatt verschwindet nicht durch Vorbereitung. Sie verschwindet auch nicht, indem man noch einen Kurs kauft. Sie verschwindet, indem man das Papier bewusst 'kaputt' macht, bevor man den ersten 'richtigen' Strich setzt. Ein bisschen Wasser, ein bisschen Mut und die Akzeptanz, dass sechs von fünfzehn Blättern eben nur Übung sind. Das ist mein eigentlicher Sieg im Ruhestand: Ich muss keine Noten mehr geben – am wenigsten mir selbst.