Aquarell Sonntag

Wie ich die Angst vor dem weißen Blatt beim Malen überwunden habe: Mein Sonntags-Ritual

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Es ist kurz nach sieben an diesem Sonntagmorgen im Juni. Draußen schläft Würzburg noch, nur die Vögel im Hinterhof sind schon so richtig bei der Sache. Ich sitze an meinem gewohnten Platz am Küchentisch, die Kaffeemaschine hat gerade ihr letztes Fauchen von sich gegeben, und vor mir liegt dieser eine Bogen Papier. Er ist so weiß, dass er fast blendet.

Obwohl ich jetzt schon seit fast zwei Jahren jeden Sonntag hier sitze, habe ich diesen Moment immer noch: Diese kleine, fiese Stimme im Hinterkopf, die flüstert: 'Renate, das Blatt hat fast zwei Euro gekostet. Wenn du das jetzt vermasselst, ist es weg. Und du hast doch eigentlich gar keine Ahnung, was du da tust.' Es ist verrückt. Ich bin 58 Jahre alt, ich habe 35 Jahre lang vor Klassen gestanden und Kindern beigebracht, dass Fehler zum Lernen dazugehören. Aber vor diesem unschuldigen Aquarellpapier fühle ich mich manchmal wieder wie eine kleine Schülerin.

Das Erbe des unsichtbaren Rotstifts

Ich glaube, wenn man wie ich Jahrzehnte damit verbracht hat, Diktate zu korrigieren und Aufsätze nach Kriterien zu bewerten, dann wächst einem ein unsichtbarer Rotstift im Kopf. In meinem Berufsleben in der Grundschule ging es oft um Richtig oder Falsch, um saubere Linien und korrekte Rechtschreibung. In meinem Ruhestand, der im Juli 2024 begann, musste ich erst mühsam lernen, diesen inneren Korrektor in die Sommerferien zu schicken – und zwar dauerhaft.

Anfangs dachte ich, ich müsste erst alles theoretisch verstehen. Ich habe meine Timothy90s Aquarell Online Kurs Erfahrungen gesammelt und jede Lektion akribisch befolgt. Aber Theorie schützt nicht vor der Angst. In den ersten Monaten im Jahr 2025 habe ich manchmal eine halbe Stunde nur auf das Papier gestarrt, bis der Kaffee kalt war. Die Angst vor dem 'ersten falschen Strich' war wie eine Schreibblockade, nur eben mit Farbe.

Ein Pinsel gibt klares Wasser auf ein strukturiertes Aquarellpapier, um die Fläche vorzubereiten.

Warum das 'Zerstören' des Blattes die Rettung war

Der eigentliche Durchbruch kam durch einen Tipp, den ich in Woche 12 meines Kurses aufschnappte. Es ging um die Überwindung der Perfektion. Der Rat war simpel: Mach das Blatt kaputt, bevor du anfängst. Natürlich nicht im Sinne von Zerreißen, sondern im Sinne von: Nimm ihm seine Unschuld.

Seit ein paar Monaten mache ich es jetzt so: Ich nehme meinen dicksten Pinsel, tauche ihn tief in das Wasserglas und flute das Papier erst einmal komplett mit klarem Wasser. Wenn das Papier nass ist, glänzt es, es wellt sich ein wenig, und plötzlich ist es kein heiliges Objekt mehr. Es ist jetzt 'in Arbeit'. Das Wasser nimmt mir die Entscheidung ab, wo der erste Punkt gesetzt wird, weil es die Farbe später ohnehin dorthin tragen wird, wo es will. Diese Erfahrungen mit der Aquarell Nass-in-Nass Technik haben mir den Druck genommen, alles kontrollieren zu müssen.

Die Lektion aus dem Zug nach Heidelberg

Ein weiterer großer Schritt war mein Skizzenbuch. Ich fahre ja regelmäßig mit dem Zug zu meiner Tochter nach Heidelberg. Früher habe ich da nur gelesen oder aus dem Fenster gestarrt. Aber dann habe ich angefangen, während der Fahrt zu skizzieren. Wenn der Zug ruckelt, kann man gar keine geraden Linien ziehen. Das ist ein wunderbares Training gegen den Perfektionismus.

Man lernt dort, dass ein Haus auch dann wie ein Haus aussieht, wenn das Fenster ein bisschen schief ist. Diese lockeren Skizzen haben mir gezeigt, dass der Charme oft im Unperfekten liegt. Wenn man perspektivisch zeichnen lernt, merkt man schnell, dass die Angst vor dem Fehler viel größer ist als der Fehler selbst. Ein schiefer Strich im Zug ist eine Anekdote, kein Weltuntergang.

Ein Skizzenbuch mit Reisezeichnungen von Heidelberg und ein kleiner Aquarellkasten.

Wenn das Gelb zu laut schreit

Letzten Sonntag hatte ich so einen Moment. Ich wollte Zitronen malen – ein Klassiker. Aber ich habe wohl zu viel Pigment erwischt. Das Gelb war so grell, dass es fast im Dunkeln leuchtete. Es sah überhaupt nicht nach einer sanften Frucht aus, eher nach einer Warnweste auf der A3. Früher hätte ich das Blatt frustriert zerknüllt und den ganzen Vormittag schlechte Laune gehabt.

Heute kann ich darüber schmunzeln. Ich habe einfach weitergemacht, Blau dazugemischt und geschaut, was passiert. Es wurde ein seltsames Grün, aber die Struktur des Papiers kam toll heraus. Ich sage mir jetzt immer: Es ist nur Papier. Es ist keine Operation am offenen Herzen. Diese Gelassenheit ist eine kreative Beschäftigung für Rentner, die ich jedem nur ans Herz legen kann. Es geht nicht um das Ergebnis an der Wand, sondern um die zwei Stunden zwischen 7 und 9 Uhr, in denen die Welt draußen bleibt.

Der Blick meines Enkels

Was mir auch sehr geholfen hat, die Angst zu verlieren, war mein Enkel. Er war neulich zu Besuch und hat meine 'misslungenen' Bilder im Papierkorb entdeckt. Er hat sie herausgefischt und war völlig begeistert von den Farbverläufen. Er hat nicht gefragt: 'Soll das eine Zitrone sein?', sondern er sagte: 'Oma, das sieht aus wie flüssiges Gold!'

Kinder haben diese Angst vor dem weißen Blatt nicht. Sie fangen einfach an. Wir Erwachsenen, besonders wir ehemaligen Lehrer, müssen uns diese Freiheit erst wieder mühsam zurückerobern. Manchmal denke ich mir, dass ich in meinen 35 Dienstjahren vielleicht öfter mal hätte mitmalen sollen, statt nur zu beaufsichtigen.

Ein misslungenes, aber farbenfrohes Aquarellbild von gelben Blumen auf dem Küchentisch.

Mittlerweile habe ich sogar angefangen, mich an schwierigere Themen heranzuwagen. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal traue, Menschen zu malen, aber neulich habe ich einen Artikel darüber gelesen, wie man charakteristische Gesichter malen kann, ohne dass es wie eine Karikatur aussieht. Es ist erstaunlich, wie viel Mut man gewinnt, wenn man erst einmal akzeptiert hat, dass das Papier einem nichts tut.

Mein Fazit für den Sonntagmorgen

Falls du auch gerade vor einem leeren Blatt sitzt und zögerst: Nimm einfach den Pinsel. Mach das Papier nass. Schenk dir noch einen Kaffee ein. Die Angst verschwindet nicht durch Nachdenken oder durch das Anschauen von noch mehr YouTube-Videos. Sie verschwindet in dem Moment, in dem die Borsten das Papier berühren.

Es ist jetzt fast neun Uhr. Mein heutiges Bild ist fertig – es ist ein bisschen zu dunkel geworden, und die Schatten wirken etwas hölzern. Aber wisst ihr was? Das ist völlig egal. Ich hatte zwei Stunden Ruhe, der Main-Nebel hat sich verzogen, und mein Küchentisch sieht herrlich unordentlich aus. Das ist mein eigentlicher Sieg heute. In diesem Sinne: Habt Geduld mit euch selbst, die Notenvergabe ist für uns endgültig vorbei.

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