
Ein Bild mit exakt ausgemessenen Dritteln und ein Bild, bei dem ich einfach drauflosgemalt habe – für viele Aquarell-Anfänger klingt das nach einem klaren Sieger. Für mich klingt es vor allem nach zwei Wegen zum gleichen Ziel. Kreativ sein im Ruhestand bedeutete für mich lange, jede Regel zum Bildaufbau erst richtig zu verstehen, bevor der Pinsel überhaupt ins Wasser darf. Inzwischen sehe ich das anders, und genau darum soll es in diesen Tipps zum Bildaufbau gehen.
Der Mythos hält sich hartnäckig: Ohne Drittel-Regel oder ein anderes festes Schema bleibt eine Komposition angeblich reiner Zufall. Dabei reicht am Anfang oft eine einzige bewusste Entscheidung pro Bild – wo der Horizont hin soll, wie viel Rand das Motiv braucht, ob es überhaupt vollständig aufs Blatt muss. Mehr Formel braucht es zum Start nicht.
Der Mythos vom perfekten Drittel
Die Drittel-Regel teilt ein Blatt rechnerisch in neun gleich große Felder, und das Hauptmotiv soll dann auf einer der Linien oder an einem Schnittpunkt landen, statt stur in der Mitte zu kleben. Klingt einleuchtend. Nur habe ich am Anfang mit dem Lineal auf meinem Aquarellpapier herumgemessen, und dabei ist mir die raue Körnung unter den Fingerspitzen fast wichtiger geworden als das eigentliche Motiv. Schon die Bleistiftskizze davor kostet mich oft mehr Nerven als das Malen danach – das Zeichnen ist für mich das eigentlich Schwierige, nicht das Auftragen der Farbe.

Genau dieses Abmessen hat mir am Anfang den Spaß genommen, noch bevor die erste Farbe aufs Papier kam. Wer schon vor dem ersten Strich eine Formel im Kopf durchrechnet, malt eher aus Angst vor dem Fehler als aus Lust am Bild. Auch unterwegs merke ich das, etwa wenn ich skizziere wie in den Tipps zu Urban Sketching im Café für Anfänger beschrieben – dort bleibt für langes Ausmessen ohnehin keine Zeit, und die Bilder werden dadurch nicht schlechter.
Neben der Drittel-Regel hört man auch oft vom Goldenen Schnitt, mit seinem berühmten Zahlenverhältnis. Für die großen Meister mag das wichtig gewesen sein. Für mich als Anfängerin, die gerade erst ein Gefühl für die richtige Wassermenge auf dem Pinsel entwickelt, ist das oft eine Hürde zu viel – ich lasse es deshalb bewusst außen vor.
Muss ein Bild wirklich exakt vermessen sein?
Im Timothy90-Kurs bin ich im Forum mit Walpurga Kiefer im Austausch, die etwa zur gleichen Zeit angefangen hat wie ich. Walpurga ist deutlich schneller durch die Lektionen gekommen als ich – während ich an einer Übung noch geknobelt habe, war sie schon ein gutes Stück weiter. Trotzdem sahen ihre frühen Bilder nicht automatisch runder aus als meine. Tempo und ein gutes Gefühl für die Fläche sind offenbar zwei verschiedene Dinge. Wie viel Wasser gerade auf dem Pinsel ist, verändert außerdem, wie sich eine Linie auf dem Papier ausbreitet – auch das lässt sich kaum vorausberechnen, das spürt man eher beim Malen selbst.
Ein Bild, das dabei misslingt, gehört ohnehin dazu, und wie man so ein Malheur wieder rettet, ist nochmal ein eigenes Thema für einen anderen Sonntag. Wichtiger ist mir inzwischen, überhaupt anzufangen, statt erst die perfekte Formel zu suchen.
Bewusst auf die Mittellinie verzichten – oder eben nicht
Im Hofgarten der Residenz hier in Würzburg sitze ich inzwischen öfter mit dem Skizzenblock – die langen Kieswege und die kleinen Blumenbeete dort eignen sich gut, um Bildaufbau zu üben. Die ersten Versuche habe ich die Wege immer brav durch die Bildmitte gezogen, fein säuberlich symmetrisch, fast wie im Lehrbuch. Später habe ich angefangen, die Linie deutlich nach links oder rechts zu rücken, und plötzlich hatte das Bild eine Richtung, in die der Blick wandern konnte. Welche Farbtöne ich für die Beete dort mische, ist übrigens nochmal eine andere Geschichte – das hat mit dem Bildaufbau selbst wenig zu tun, auch wenn es genauso viel Übung braucht.

Eine Freundin von mir geht jeden Tag im Ringpark Nordic Walking, bei jedem Wetter, das erzählt sie mir jedes Mal stolz am Telefon. Vielleicht ist das ihre Version von der Formel, an der ich beim Malen manchmal noch festhalte. Bevor ich beim Aquarell gelandet bin, hatte ich es mit Stricken versucht, fein nach Anleitungen von YouTube, Reihe für Reihe. Trotzdem sind mir dauernd die Maschen von der Nadel gerutscht, und irgendwann habe ich das Knäuel einfach weggelegt. Vielleicht hatte ich mich da an die falsche Präzision geklammert – Bildaufbau im Aquarell darf man zum Glück lockerer nehmen als eine Strickanleitung.
Bildaufbau in drei Entscheidungen statt einer Formel
Wenn mich ein leeres Blatt einschüchtert, ziehe ich mit einem ganz weichen Bleistift zuerst einen zarten Rahmen innerhalb des Papierrands – das nimmt der großen Fläche etwas von ihrem Schrecken. Danach entscheide ich mich bewusst, ob das Bild mehr Himmel oder mehr Erde bekommt, und setze die Horizontlinie deutlich nach oben oder unten, nur nicht genau in die Mitte. Bei einem neuen Motiv, wie zum Beispiel bei den Tipps zu Obst oder Gemüse am Küchentisch, setze ich es dagegen bewusst zentriert, weil mich das nicht mit einer weiteren Entscheidung ablenkt und ich mich ganz auf Licht und Form konzentrieren kann.

Wichtig ist mir dabei auch, was ich gar nicht anmale: Die weißen Stellen, die ich bewusst frei lasse, tragen genauso viel zum Bildaufbau bei wie die Farbe selbst. Setzt man dann noch zu viel Wasser auf, verändert sich das Ganze ohnehin noch einmal von allein – die Farbe läuft dorthin, wo sie will, und der Bildaufbau verschiebt sich beim Trocknen. Kleinere Formate helfen mir dabei, dieses Gefühl überhaupt erst zu entwickeln, deshalb probiere ich zwischendurch gern einfache Aquarell Grußkarten selbst zu machen – der Platz ist dort so begrenzt, dass man sich automatisch aufs Wesentliche konzentriert.

Eine einzige Entscheidung reicht am Anfang
Licht und Schatten spielen für den Bildaufbau natürlich ebenfalls eine Rolle, genauso wie die Frage, wie durchscheinend eine Farbe ist und wie viele Schichten am Ende übereinanderliegen – beides sind aber eigene Kapitel, die ich mir für ein andermal aufhebe. Was mir dagegen neulich an einem ruhigen Sonntag aufgefallen ist: Der Pinsel lag plötzlich ganz ruhig in der Hand, kein Zittern mehr, die Linie kam einfach flüssig aufs Papier. Kein großer Moment, eher ein leises Nebenbei.
Am Wochenende war mein Enkel zu Besuch und hat mit Buntstiften ein Haus mitten aufs Blatt gemalt, dazu eine viel zu große Sonne obendrüber, ganz ohne Rahmen-Trick oder Horizont-Entscheidung. Ob das der Drittel-Regel entspricht, hat er mich nicht gefragt. Sein Bild hatte trotzdem einen ganz eigenen Bildaufbau, einfach weil er genau wusste, was er zeigen wollte.
Der ruhige Start in den Sonntag gehört inzwischen zu meiner festen Sonntagsroutine, bevor der erste Strich gesetzt wird. Wer als Aquarell-Anfängerin oder Anfänger vor dem leeren Blatt sitzt, muss keine Formel im Kopf durchrechnen – eine einzige bewusste Entscheidung pro Bild reicht völlig aus: Horizont hoch oder tief, Motiv mittig oder an den Rand gerückt, fertig. Der Rest ergibt sich beim Malen.