Aquarell Sonntag

Obst und Gemüse malen mit Aquarell für Anfänger: Tipps vom Küchentisch

Eine gemalte Paprika wirkt auf dem Papier manchmal so flatt wie ein Bonbonpapier, obwohl das Original auf der Anrichte richtig glänzt – eine Frage, die ich mir als Aquarell-Anfängerin noch immer stelle, sonntags am Küchentisch, wenn ich Obst und Gemüse male, das eigentlich längst im Topf landen sollte.

Meine Nachbarin Helwig Jansen hat mich im Treppenhaus mit einer ähnlichen Frage überrascht, als sie ein trocknendes Bild in meiner Hand sah und wissen wollte, ob sich so etwas im Ruhestand überhaupt noch lernen lässt. Ich beantworte ihr das seitdem am liebsten mit genau den Fragen, die mir selbst am häufigsten durch den Kopf gehen.

Obst und Gemüse malen: die geduldigsten Modelle für Anfänger

Zitrone in Aquarell gemalt als geduldiges Motiv für Aquarell-Anfänger

Meistens liegt die Antwort im Weiß: Wer beim Malen keine helle Stelle frei lässt, wirkt ein Bild fast automatisch flach. Eine Paprika beschwert sich nicht, wenn du sie zu blass malst. Sie läuft nicht weg, hält keine Pose falsch und sieht selbst dann noch interessant aus, wenn sie schon einen Tag zu lange in der Schale liegt. Genau das macht Gemüse so dankbar für alle, die noch unsicher mit dem Pinsel sind: Die Formen sind vertraut, jeder kennt eine Zitrone oder eine Zwiebel auswendig, und diese Vertrautheit nimmt dem leeren Blatt einen guten Teil seines Schreckens.

Manchmal hole ich mir Ideen von unterwegs. Am Alten Kranen am Main liegen im Sommer oft Kisten mit Gemüse vom Markt, und das Licht auf der Würzburger Mainseite ist am frühen Morgen so weich, dass selbst eine schlichte Zucchini golden schimmert. Ein Foto davon reicht mir oft für die ganze Sonntagsübung.

Gemüse-Stilleben auch ohne Zeichenfähigkeiten

Nein, auch wenn ich als frühere Lehrerin dem Bleistift lange zu viel vertraut habe. Wer direkt mit dem Pinsel beginnt, ist gezwungen, wirklich hinzusehen: Eine Birne ist kein perfekter Kegel, sie hat Beulen und eine schiefe Seite, und genau das macht sie lebendig auf dem Papier. Zeichnen und Malen sind für mich zwei verschiedene Fähigkeiten – dass Zeichnen lernen für Aquarellbilder auch ohne Talent funktioniert, glaube ich inzwischen fest, auch wenn die Vorskizze für manche wie ein Sicherheitsnetz wirkt.

Birne direkt mit dem Pinsel gemalt, ganz ohne Bleistiftskizze

Wenn ein Bild schiefgeht, ist es für mich inzwischen einfach eine Bio-Birne mit Charakter, keine verpatzte Prüfung. Wir sitzen hier schließlich nicht im Kunstunterricht, wo es Noten gibt.

Das richtige Nass für Farbe und Papier

Wie viel Wasser auf den Pinsel gehört, ist die Frage, die mir am Küchentisch am häufigsten durch den Kopf geht, besonders bei saftigen Motiven wie Tomaten oder Pflaumen, wo zu trockene Farbe sofort streifig wirkt. Wer das richtige Verhältnis von Wasser und Farbe bei Aquarell findet, kann das an anderer Stelle ausführlich nachlesen; mir reicht am Sonntagvormittag die Faustregel, dass der Pinsel nie tropft, sondern nur glänzt. Auch das Papier spielt mit: Für nasse Gemüsebilder greife ich inzwischen zu einem schwereren Bogen, sonst wellt sich das Blatt, sobald zwei Wasserlachen aufeinandertreffen.

Genau in diesem nassen Moment liegt auch meine liebste Beobachtung. Einmal blieb nach dem Abspülen der Paprika eine kleine Lache auf der Arbeitsfläche stehen, sattblau vom Fensterlicht, und ich habe sie aus Neugier gleich mitgemalt. Getrocknet war das Blau fast genauso hell wie im nassen Zustand – erst als ich das Blatt hochhielt und das Licht hindurchließ, habe ich wirklich gesehen, wie viel Weiß darin steckte. Der leicht erdige Geruch, den die Farbe verströmt, sobald sie sich im Wasserglas auflöst, gehört für mich längst so selbstverständlich zum Sonntag wie der erste Schluck Kaffee.

Wenn Orange und Grün zu Matsch werden

Orange und Grün, dicht nebeneinander gesetzt, ergeben beim Gemüse malen schneller Braun, als man denkt – das ist die zweite Frage, die mir Leserinnen und Nachbarinnen am häufigsten stellen. Sobald zwei nasse Flächen sich berühren, beobachte ich, wie schnell die Ränder ineinanderlaufen, und wenn es zu schnell geht, nehme ich den Pinsel kurz zurück und lasse eine der beiden Farben erst antrocknen, bevor die zweite dazukommt.

Karotte in Aquarell, bei der Orange und Grün beim Gemüse malen ineinanderliefen

Auf dem Bild oben siehst du, wie es aussieht, wenn diese Sekunde verpasst wird: Aus Karottenorange und Kraut-Grün wird ein trübes Braun, das keine Form mehr hat. Genau das ist Aquarell – die Farbe macht manchmal, was sie will, und das lässt sich am Küchentisch nicht wegtrainieren.

Bevor ich beim Aquarell geblieben bin, hatte ich einen Online-Kurs für Ölmalerei ausprobiert. Der Geruch der Farben und die langen Trockenzeiten zwischen den Schichten waren mir am Küchentisch einfach zu viel. Aquarell dagegen verzeiht Ungeduld nicht ganz, aber es trocknet wenigstens, während der Kaffee noch warm ist.

Schatten, die mehr können als Grau

Graue oder schwarze Schatten sind der schnellste Weg, ein Gemüsebild flach aussehen zu lassen. Meine Faustregel ist einfach: Ich nehme für den Schatten immer einen Hauch der Farbe mit hinein, die direkt daneben liegt, statt zu reinem Grau zu greifen. Wer verstehen möchte, wie Licht und Schatten in Aquarellbildern richtig gesetzt werden, findet das an anderer Stelle ausführlicher; für den Küchentisch reicht mir die kurze Version mit der Nachbarfarbe.

Trudel Henke, eine Schulfreundin aus Kindertagen, die heute in München lebt, kommentiert meine WhatsApp-Fotos meist ganz ohne Umschweife. Bei der violetten Birne schrieb sie neulich nur einen Satz: das Grün wirke jetzt endlich wie richtiges Grün. Genau auf solche Reaktionen arbeite ich hin, mehr als auf technische Perfektion.

Der Blick zählt mehr als die perfekte Kopie

Helwig hat sich inzwischen selbst einen Farbkasten gekauft, nachdem sie im Treppenhaus so hartnäckig nachgefragt hatte, auch wenn sie sonntags meistens nur zusieht, statt selbst den Pinsel in die Hand zu nehmen. Wer wie sie unsicher ist, wo man anfangen soll, dem rate ich: Nimm ein Gemüse, das du gerade nicht kochst, sonst landet die Hälfte deiner Modelle vor dem zweiten Pinselstrich doch im Topf.

Für unterwegs, etwa bei den Zugfahrten zu meiner Tochter nach Heidelberg, nehme ich inzwischen ein kleines Skizzenbuch mit, denn warum ein Skizzenbuch für Anfänger auf Reisen eine Bereicherung ist, erlebe ich dort fast jedes Mal aufs Neue, meist an einer Kaffeetasse oder einem Stück Kuchen, das ich schnell festhalten will.

Skizzenbuch mit gemalten Sommerbeeren als Beispiel fürs Obst malen am Küchentisch

Wichtiger als der Glanz auf dem Papier ist am Sonntag ohnehin etwas anderes: ob du überhaupt genau hingesehen hast. Darauf würde ich jederzeit wetten.

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