
Ein nasser Himmel verzeiht fast jeden Fehler, ein trockener Fels verzeiht keinen einzigen. Male ich mit nassem Pinsel in nasse Farbe, darf alles ineinanderfließen und sich mischen, das ist die Grundlage der Nass-in-Nass-Malerei, mit der die meisten von uns anfangen. Bei Steinen und Felsen ist genau das die Falle, in die ich am Anfang ständig getappt bin: zu viel Wasser, zu wenig Kante. Struktur ins Bild zu bekommen bedeutet bei dieser Aquarell-Technik vor allem, dem Papier weniger zu geben statt mehr. Es ist die Technik, die mein Wochenaquarell in den letzten Monaten am meisten verändert hat, und ein paar Anfänger-Tipps dazu will ich mit euch teilen.
Ein Stein ist eine Fläche, keine Linie
Meine Nachbarin Helwig Jansen sah letztens ein noch feuchtes Blatt, das ich zum Trocknen ins Treppenhaus getragen hatte, und fragte, warum ich aus einem grauen Stein nicht einfach ein graues Dreieck male. Genau da liegt der Denkfehler, den ich selbst am Anfang hatte. Ein Fels ist keine Kontur, die man sauber ausfüllt, sondern eine Fläche aus hellen und dunklen Stellen, die sich gegenseitig die Form geben. Wer zuerst eine Umrisslinie zieht und danach brav innerhalb der Linien bleibt, bekommt am Ende eine Kartoffel statt einen Fels – das musste ich mir selbst abgewöhnen, obwohl ich früher genau das im Sachunterricht meinen Schülern beigebracht habe, wenn wir Blätter abgepaust haben.

Suche zuerst den dunkelsten Fleck
Bevor ich überhaupt einen Pinsel anfasse, suche ich am Stein selbst die dunkelste Stelle – dieser hier stammt von einem Spaziergang unterhalb der Festung Marienberg, ein graues Stück Kalkstein, unscheinbar, dachte ich zuerst. Nicht die schönste Stelle, nicht die interessanteste, sondern die dunkelste. Das ist mein fester Ausgangspunkt geworden, seit ich Steine und Felsen male. Danach kommt die hellste Stelle dazu, meistens dort, wo eine Kante das Licht bricht, und alles, was dazwischenliegt, ordnet sich fast automatisch, sobald diese zwei Punkte auf dem Papier stehen. Es klingt simpel, aber genau diese Reihenfolge – zuerst dunkel, dann hell, erst danach die Zwischentöne – hat mir in den zwei Jahren mit dem Aquarell mehr über Struktur beigebracht als jede einzelne Pinseltechnik für sich.
Warum sorgt raues Papier für mehr Struktur?
Festes, raues Aquarellpapier macht bei Steinen einen sichtbaren Unterschied – auf dünnem, glattem Papier zerläuft jede Struktur zu grauem Brei, egal wie geschickt man den Pinsel führt. Einen echten Unterschied macht dabei Papier aus 100% Hadern, das Wasser länger hält und mir als eher langsamer Malerin die Zeit gibt, die ich brauche. Manche Grautöne setzen sich dazu unregelmäßig in kleinen Krümeln ab, das sieht man erst, wenn alles getrocknet ist, und genau diese kleine Unruhe in der Fläche liest unser Auge sofort als Stein.

Muss der Bleistift wirklich sein?
Nein, meistens nicht – zumindest nicht so, wie ich es früher gemacht habe. Genau an dieser Stelle habe ich starre Linien loszulassen gelernt, der Bleistift bleibt inzwischen meistens in der Schublade, wenn ich einen Fels anfange. Stattdessen setze ich eine ganz zarte, wässrige Untermalung an, ein bisschen Ocker hier, ein kühles Grau dort, je nachdem wie die dunkelste Stelle vom ersten Schritt liegt. Die eigentliche Form kommt erst danach, Schicht für Schicht, nie durch eine vorgezogene Linie.

Die hellsten Stellen bleiben unberührt
Was ich nie mehr vergesse: Die hellste Kante an einem Fels ist meistens einfach das nackte, weiße Papier, nichts, was ich nachträglich hineinmale, sondern etwas, das von Anfang an ausgespart bleibt. Schatten baue ich dagegen in mehreren dünnen Schichten auf, immer erst, wenn die vorige Lage komplett trocken ist. Bevor der Pinsel überhaupt aufs Papier kommt, klopfe ich ihn kurz gegen den Rand meines Wasserglases, ein kleines, unscheinbares Geräusch, das mir inzwischen sagt, wie viel Feuchtigkeit noch in den Borsten steckt, zu nass, und die ganze Struktur verläuft zu einer einzigen grauen Pfütze.
Ein missglückter Fels und ein alter Malversuch
Am Sonntag trocknete der Stein trotzdem an einer Stelle schlechter, als er nass ausgesehen hatte: Ich hatte am Rand zu lange mit dem fast trockenen Pinsel herumgerieben, aus Ungeduld, und aus einer klaren Kante wurde ein schmieriges Grau ohne jede Tiefe. Kein Beinbruch, aber ein gutes Beispiel dafür, dass Geduld hier mehr zählt als Technik.
Meine alte Schulfreundin Trudel Henke, die heute in München lebt und mir seit meiner Pensionierung immer wieder Fotos von ihren Sonntagsbeschäftigungen schickt, erinnerte mich neulich daran, wie ich schon als Kind gern gemalt habe. Ich hatte kurz vor dem Aquarell einen Online-Kurs für Ölmalerei angefangen, aber der Geruch der Farben und die endlose Wartezeit, bis überhaupt etwas trocknet, waren mir zu viel. Beim Aquarell ist das anders: Die Struktur entsteht, wenn man ihr vertraut, statt sie zu erzwingen, und genau das lässt sich nur üben, nicht abkürzen.
Mein Enkel Leo blieb letzte Woche vor dem noch nicht ganz trockenen Bild stehen, kniff die Augen zusammen wie ein kleiner Kunstkritiker und sagte, das sehe aus wie ein richtiges Gemälde aus einem Museum, nicht wie etwas, das seine Oma einfach so hingemalt hat. Ich habe ihm nicht verraten, wie viele missglückte Kartoffeln vorher schon auf Papier gelandet sind.
Wenn ich mein Skizzenbuch mit zu meiner Tochter nach Heidelberg nehme, verstehe ich inzwischen warum das Skizzieren auf Reisen meine Wahrnehmung verändert hat an jeder alten Mauer am Neckar – ich sehe dort nicht mehr nur Stein, sondern Flächen und Schatten. Auf rauem Papier bricht der fast trockene Pinsel auf, genau diese Lücken ergeben die Körnung von Fels, ohne dass ein einziges Detail gemalt wird, und wer das vertiefen will, kann sich verschiedene Texturen zu erkunden ansehen. Für mich reicht es, jeden Sonntag ein bisschen genauer hinzuschauen, bevor der Pinsel überhaupt das Papier berührt.