Viertel nach sieben, der Kaffee ist noch viel zu heiß zum Trinken, und ich sitze zum bestimmt zwanzigsten Mal vor meinen drei Farbkästen, weil ich schon wieder vergessen habe, welches Blau eigentlich glatt wegläuft und welches krisselig wird, sobald das Papier trocknet. Mein Enkel Paul hat mich letzten Sonntag beim Frühstück gefragt, warum das Ultramarinblau auf meinem Kirchturm-Bild so "körnig" aussieht - und ich musste zugeben, dass ich es selbst nicht genau wusste, nur dass es "manchmal so macht". Diese Woche ist mir dann bei den Rosen im Vorgarten meiner Nachbarin genau dasselbe wieder passiert, nur dass ich es diesmal überhaupt nicht wollte und die Blüten am Ende fleckig aussahen. Danach hab ich mir endlich eine Liste angelegt: wie lichtecht meine Farben wirklich sind, ob sie lasieren oder decken, und welche dieses Granulieren machen. Ich hab jede einzelne Angabe nachgeprüft, nicht nur von der Tube abgeschrieben. Hier ist meine Tabelle - für mich zum Nachschlagen sonntags am Fenster, und für dich, falls du auch manchmal vergisst, was PB29 eigentlich bedeutet.
1. Definitionen und Standards
Drei Dinge sind es, die ich mir mühsam selbst beigebracht habe, seit ich diese Tabelle angelegt hab:
- Lichtechtheit: Wird nach der amerikanischen Norm ASTM in fünf Kategorien (I bis V) eingeteilt, oder nach der sogenannten Wollskala von 1 bis 8. Kategorie I heißt: exzellent, bleibt über hundert Jahre praktisch unverändert (Wikipedia).
- Transparenz: Ob eine Farbe lasiert oder deckt, hängt davon ab, wie viel Licht die Farbschicht durchlässt statt es zu streuen oder zu schlucken - lässt sie viel durch, schimmert das Papier durch (Wikipedia).
- Granulierung: Manche Pigmentteilchen sammeln sich in den kleinen Vertiefungen des Papiers und bilden diese ungleichmäßige Textur - genau das, was bei Pauls Kirchturm gut aussah und bei den Rosen meiner Nachbarin überhaupt nicht.
2. Referenztabelle der Pigmente
Das hier sind die zehn Pigmente, die am häufigsten in meiner Kiste liegen. Als meine Nachbarin Frau Wagner letzten Monat im Hausflur fragte, welche Farbe sie sich als Rentnerin überhaupt zulegen soll, hab ich ihr genau diese Liste ausgedruckt, mit Kaffeeflecken und allem.
| CI-Name | Gebräuchlicher Name | Transparenz | Lichtechtheit | Granulierend |
|---|---|---|---|---|
| PB29 | Ultramarinblau | Transparent | Exzellent [Source] | Ja |
| PB15:3 | Phthaloblau (Grünstich) | Halbtransparent | Exzellent [Source] | Nein |
| PY150 | Nickel-Azo-Gelb | Transparent | Exzellent [Source] | Nein |
| PR101 | Synthetisches Eisenoxidrot | Halbtransparent bis Opak (variiert) | Exzellent [Source] | Ja (variiert) |
| PG7 | Phthalogrün (Blaustich) | Transparent | Exzellent [Source] | Nein |
| PV19 | Chinacridon Rose | Transparent | Exzellent [Source] | Nein |
| PY43 | Gelber Ocker (Natürlich) | Opak bis Transparent (variiert) | Exzellent [Source] | Ja (variiert) |
| PR108 | Cadmiumrot | Opak (Deckend) | Exzellent* [Source] | Nein |
| PBr7 | Siena Gebrannt (Natürlich) | Halbopak bis Halbtransparent | Gut [Source] | Ja |
| PBk7 | Lampenschwarz (Ruß) | Opak (Deckend) | Exzellent [Source] | Nein |
Der Trick, den mir keiner gesagt hat: Ein Pigment über einen schwarzen Strich malen zeigt sofort, ob es lasiert oder deckt. Meine transparenten Farben – Ultramarin, Phthalogrün, Chinacridon – lassen den Strich durchscheinen; Cadmiumrot und Lampenschwarz decken ihn zu. Und Siena gebrannt ist nur „gut" lichtecht, nicht „exzellent", wie ich jahrelang dachte.
Ein paar Sachen haben mich beim Nachprüfen ehrlich überrascht, und die schreib ich lieber dazu, statt sie zu verschweigen: Bei Siena Gebrannt, meiner Lieblingsfarbe für Herbstlaub, steht in der Quelle nur "gute Beständigkeit" - nicht "exzellent", wie ich jahrelang angenommen hatte. Beim Cadmiumrot (markiert mit *) gibt's eine Ausnahme, die ich vorher gar nicht kannte: Es verblasst laut Quelle in Fresko- oder Wandmalerei - für meine Aquarelle am Küchentisch zum Glück irrelevant. Und mein Ultramarinblau kann bei Säurekontakt (Essig, Zitrone) nachdunkeln, vor allem in der synthetischen Variante, die günstiger, aber etwas weniger beständig ist als die natürliche. Genau das Zeug, das bei mir sonntags eh nicht auf den Maltisch kommt - aber gut zu wissen, bevor man's mal ausprobiert.
3. Chemische Klassifizierung
Am Ende hab ich noch gelernt, dass sich Pigmente grob in zwei Familien einteilen lassen - so wie ich früher meinen Schülern beigebracht hab, Wörter in Gruppen zu sortieren, nur eben mit Farbe statt Grammatik:
- Anorganische Pigmente
- Das sind traditionell Metalloxide oder -sulfide aus Mineralien - Sand und Erde in schön, sozusagen (z. B. PR101, PY43). Wie stark einzelne Farben davon granulieren, steht oben in der Tabelle, das ist von Pigment zu Pigment sehr unterschiedlich (Wikipedia).
- Organische Pigmente
- Kohlenstoffverbindungen, meist im Labor entwickelt - die modernen Phthalo- und Chinacridon-Töne (PB15, PV19) gehören dazu. Traditionell gelten organische Pigmente als weniger witterungsbeständig, aber genau diese modernen unter ihnen sind dieser alten Regel längst entwachsen - siehe oben in der Tabelle (Wikipedia).
Last verified: 2026-07-16
Sources
- Wikipedia: Lightfastness (ASTM-Kategorien)
- Wikipedia: Hiding power (Transparenz/Deckkraft)
- Wikipedia: Pigment (anorganisch vs. organisch)
- Blick Art Materials: PB29 - Ultramarine
- Blick Art Materials: PB15 - Phthalo Blue (Green Shade)
- Blick Art Materials: PY150 - Nickel Azo Yellow
- Blick Art Materials: PR101 - Red Iron Oxide
- Blick Art Materials: PG7 - Phthalo Green
- Blick Art Materials: PV19 - Quinacridone Violet/Rose
- Blick Art Materials: PY43 - Yellow Ochre
- Blick Art Materials: PR108 - Cadmium Red
- Blick Art Materials: PBr7 - Burnt Sienna
- Blick Art Materials: PBk7 - Lamp Black