
Zwölf schiefe Balken zählte ich neulich an einer einzigen Fassade am Alten Kranen am Main, keiner davon im rechten Winkel, und trotzdem steht das Haus seit Jahrhunderten so da. Genau an diesem Punkt scheitern die meisten, die anfangen wollen, Fachwerk zeichnen zu lernen für ihr Reiseskizzenbuch: Sie greifen zum Lineal, weil krumm für sie automatisch falsch bedeutet. Ich kenne diesen Impuls gut, ein ganzes Berufsleben lang habe ich schiefe Linien in Heften korrigiert, und der Reflex sitzt tiefer, als mir lieb ist, jetzt, wo ich kreativ im Ruhestand etwas völlig Neues übe.
Der Mythos vom geraden Balken
Der Mythos, der sich hartnäckig hält, klingt ungefähr so: Ein Fachwerkhaus zeichnen bedeutet, exakte Winkel und parallele Linien zu treffen, sonst wirkt die Zeichnung falsch. Das Gegenteil stimmt eher. Ein Haus, das seit Jahrhunderten an derselben Stelle steht, hat sich gesetzt, ist eingesunken, hat sich verzogen, und jeder Balken erzählt auf seine eigene Art vom Alter des Hauses. Zeichnest du diese Balken schnurgerade, nimmst du dem Motiv genau das, was es überhaupt sehenswert macht.
Bevor ich mit Aquarell angefangen habe, hatte ich es mit Stricken versucht, nach Anleitungen von YouTube, weil die ruhige Stimme in den Videos mich beruhigt hat. Fast jede zweite Reihe fiel mir eine Masche von der Nadel, und ich habe den Fehler nie rechtzeitig gesehen, um ihn zu retten. Dort war schief tatsächlich ein Problem, ein technischer Fehler im Gewebe, der sich fortsetzt. Beim Fachwerk ist es umgekehrt: Die Schiefe gehört zur Bauweise, nicht zum Fehler, und genau diesen Unterschied musste ich mir selbst erst beibringen.
Das Lineal ist nicht nötig
Am Küchentisch dachte ich lange, ich müsse erst technisches Zeichnen lernen, bevor ich mich an ein echtes Haus wage. Diese Sorge sitzt bei uns Lehrerinnen wohl tief: erst die Regel, dann erst die Ausnahme. Aber ein Reiseskizzenbuch verlangt keine Bauzeichnung. Es verlangt, dass du ein paar Minuten lang genau hinschaust und aufschreibst, was du siehst, nicht das, was du über Häuser zu wissen glaubst.
Nach einem Regenschauer am Main hielt ich mein Blatt neulich gegen das Licht, weil ich dem Blau der Pfütze vor mir nicht traute. Getrocknet war es fast genauso hell geblieben wie im nassen Zustand, kein bisschen dumpfer, und ich wollte sehen, ob mein Papier das ebenso eingefangen hatte. Das Morgenlicht fiel an diesem Tag so flach über das Blatt, dass ich jede einzelne Faser der Oberfläche sehen konnte, noch bevor die erste Linie überhaupt saß. Solche kleinen Beobachtungen bringen mich weiter als jedes Lineal.

Der Anfänger-Strich, der mich überzeugt hat
Im Zug nach Heidelberg, auf dem Weg zu meiner Tochter, saß ich mit einem Skizzenbuch im handlichen A5-Format da und übte etwas, das mir zuerst absurd vorkam: die Linie absichtlich zittern lassen, statt sie zu glätten. In diesem Moment habe ich verstanden, warum der Anfänger-Strich Kurs meine Sicht auf das Zeichnen verändert hat. Im ruckelnden Zug passte das Zittern der Hand plötzlich zum Rucken der Schienen, und es fühlte sich weniger wie ein handwerklicher Fehler an, mehr wie eine ehrliche Aufnahme des Moments.
Das feine Kratzen der Fineliner-Spitze auf griffigem Papier ist ein Geräusch, das ich inzwischen mag, fast so sehr wie das erste Eintauchen des Pinsels danach. Ein Fachwerkhaus verzeiht dabei mehr, als man zunächst denkt: Die schrägen Balken wirken auf 300 g/m² Papier sogar überzeugender, weil die raue Oberflächenstruktur den zittrigen Strich zusätzlich bricht. Sobald danach die erste Aquarell-Lasur über die Linien geht, zeigt sich, ob das Papier dem Wasser standhält, aber das Gewicht allein erklärt nicht alles, und diese genaue Rechnung überlasse ich lieber jemandem, der sich mit Papiersorten wirklich auskennt.
Ich habe in einem früheren Eintrag schon beschrieben, warum das Skizzieren auf Reisen nach Heidelberg meine Wahrnehmung verändert hat, und dieser Blick von außen hilft mir bis heute, wenn ich zuhause vor einem Würzburger Fachwerkhaus sitze. Zeichnen fühlt sich für mich ohnehin unversöhnlicher an als Malen, aber das ist eine andere Geschichte für einen anderen Sonntag.

Wo ich sonntags wirklich übe
Meine Nachbarin geht jeden Tag Nordic Walking im Ringpark, ganz unabhängig vom Wetter, und wenn wir uns im Treppenhaus über den Weg laufen, fragt sie manchmal, warum ich immer mit demselben Block unterwegs bin. Ich könnte ihr erklären, dass der Main mit seinen alten Häuserzeilen einfach mehr Übungsfläche bietet als eine Runde durch den Park, aber meistens sage ich nur, dass ich mein festes Eck am Alten Kranen habe, so wie sie ihre feste Route hat.
Im Forum meines Aquarell-Kurses postete ich vor Kurzem ein Foto der schiefen Fassade, und Walpurga Kiefer, die denselben Kurs besucht, antwortete mit einer sachlichen Anmerkung zur Federhärte meines Fineliners. Persönlicher wird es bei ihr im Forum selten, aber ihre Beobachtungen zu Material und Strich sitzen fast immer, und genau darum lese ich ihre Kommentare zuerst.
Wann ein Fehler bleiben darf
Die Regel, die ich mir inzwischen gebe, ist einfach: Eine schiefe Linie bleibt stehen, wenn sie tatsächlich nachzeichnet, was der Balken vor mir wirklich tut, auch wenn das Ergebnis unsicher wirkt. Radiert wird nur, wenn die Linie nichts mit dem tatsächlichen Winkel zu tun hat, wenn sie also ein reiner Ausrutscher war und keine Beobachtung. Dieser Unterschied entscheidet, ob dein Fachwerkhaus im Reiseskizzenbuch lebendig wirkt oder wie eine Bauzeichnung, die zufällig schief geraten ist.
Nimm also ruhig den Bleistift oder den Fineliner ohne Lineal in die Hand, wenn du vor deinem ersten alten Haus stehst. Schau genau hin, bevor du urteilst, ob eine Linie stimmt, und vertrau eher deinem Auge als deiner Vorstellung davon, wie ein Haus auszusehen hat. Diese Zeilen hier sind Teil meines Aquarell-Tagebuchs, auch wenn diesmal öfter der Bleistift zum Einsatz kam als der Pinsel, und am Ende zählt ohnehin nicht der rechte Winkel, sondern ob das Blatt danach so aussieht, wie das Haus sich tatsächlich anfühlt.