
Vielleicht hast du schon Bilder zerrissen, die nicht so wurden, wie du es dir im Kopf ausgemalt hattest. In meinem Aquarell-Tagebuch, das ich mir im Ruhestand angelegt habe, liegt gerade eines, das ein Kastanienblatt werden sollte und jetzt aussieht wie ein Kaffeefleck mit Eigenleben — ein großer, brauner Wasserrand mitten auf teurem Papier. Früher hätte ich die Seite als Anfängerin sofort herausgerissen. Heute bleibt sie liegen, direkt neben der Tasse am Küchentisch.
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Aquarell malen lernen ohne Notenskala
Seit ich nicht mehr jeden Montag Diktate korrigieren muss, gehört mir der Sonntagvormittag ganz allein. Fenster gekippt, auch wenn es draußen schon kühl ist, Kaffee links vom Block, der Pinsel noch trocken. Eine Kollegin hatte mir kurz vor meiner Pension vom Aquarellmalen vorgeschwärmt, und ich erinnerte mich, wie ich als Kind schon gern mit Wasserfarben herumgepanscht habe. Aus einer Laune ist inzwischen ein festes Ritual geworden.
Am Anfang dachte ich, ich müsste alles richtig machen, so wie ich es früher von meinen Schülerinnen und Schülern erwartet habe. Kein Wackler im Strich, keine Kleckse, am besten gleich beim ersten Versuch ein vorzeigbares Bild. Das Tagebuch hat mir davon ziemlich schnell die Flausen ausgetrieben.
Der Bleistift passte nie zu mir
Bevor ich mich ganz dem Wasser hingegeben habe, bin ich einen kleinen Umweg gegangen: den Zeichnen Lernen Kurs. Handwerklich sauber gemacht, mit klaren Übungen für Strich und Schraffur. Nur fühlte sich das Kratzen der Mine auf dem Papier für mich an wie eine Rechtschreibkorrektur, nicht wie freie Zeit. Der Stift landete irgendwann wieder in der Schublade, und dabei ist es geblieben.
Beim Aquarell dagegen darf die Farbe machen, was sie will — die sogenannte Nass-in-Nass-Technik lässt zwei feuchte Farben ineinanderlaufen, und genau dieses Nicht-Kontrollierenkönnen war für mich der eigentliche Reiz. Wie sich das beim Herbstlaub konkret anfühlt, habe ich in einem anderen Eintrag beschrieben: Herbstblättern mit Aquarell.
Nach drei Wochen ohne Bilder war Schluss
Genauso wenig hat bei mir ein reines Schreibtagebuch funktioniert, ganz ohne Bilder. Ich hatte mir extra ein schönes Heft gekauft und wollte jeden Sonntag ein paar Sätze über die Woche notieren. Es fühlte sich an wie eine Hausaufgabe, die ich mir selbst gestellt hatte, und nach drei Wochen lag das Heft nur noch ungeöffnet auf der Ablage. Worte allein haben bei mir offenbar nicht die gleiche Kraft wie ein schiefer Baum in Aquarellfarbe.
Genau deshalb reiße ich inzwischen keine Seite mehr heraus, egal wie schief der Baum geraten ist oder wie giftig das Gelb leuchtet. Gutes Papier hilft gegen die schlimmsten Wellen, mehr aber auch nicht — ein missratenes Bild erzählt trotzdem, was an diesem Sonntag los war: welches Licht durchs Fenster kam und wie viel Geduld ich an dem Morgen noch hatte.

Zwischen Pausieren und Weitermachen
Den Aquarell Online Kurs von Timothy90 habe ich komplett durchgearbeitet, Lektion für Lektion, immer sonntags. Die Häppchen sind kurz genug für einen Vormittag, ohne dass am Ende die Kaffeetasse kalt geworden ist, weil ich die Zeit vergessen habe. Um die achte Woche herum kam eine Lektion zu lockeren, nassen Flächen dran — genau die Technik, bei der später mein Kastanienblatt zum Kaffeefleck wurde.
Anders lief es mit dem Menschen Zeichnen Masterkurs. Der Aufbau ist auf zwölf Wochen angelegt und wirklich durchdacht, aber als blutige Anfängerin war mir das Tempo zu hoch. Nach etwa der Hälfte habe ich pausiert, ohne schlechtes Gewissen — manchmal ist eine Pause einfach die richtige Antwort.
Für die Zugfahrten zu meiner Tochter nach Heidelberg habe ich mir stattdessen den Skizzen Video-Kurs gegönnt, einzelne kurze Impulse statt eines durchgehenden Lehrplans. Der passt zwischen einen Kaffee im Bordbistro und den Blick aus dem Zugfenster. Was das mit meiner Wahrnehmung unterwegs gemacht hat, steht in einem anderen Eintrag: Warum das Skizzieren auf Reisen meine Wahrnehmung verändert hat.

In Woche acht war plötzlich etwas anders
Meine Nachbarin klingelte in dieser Woche wegen etwas ganz anderem, blieb aber im Flur stehen und schaute auf das Blatt, das auf dem schmalen Holzbrett gegenüber trocknete. Kastanie, oder, fragte sie, und zeigte auf die krumme Krone, die ich aus dem Botanischen Garten der Uni Würzburg mitgenommen hatte. Selbst hatte ich den Baum kaum wiedererkannt, so schief war er geraten. Aber sie hatte recht, und das saß tiefer als jedes Lob, das ich mir selbst hätte geben können.
Eine Bekannte von einem früheren Aquarell-Nachmittag, Elfrun, hat mir mal ganz beiläufig gesagt, ich solle das Blatt einfach kopfüber ansehen, wenn ich nicht mehr wisse, ob etwas gerettet werden kann. Kein Fachwort, keine Theorie — nur ein Handgriff, der seitdem hängen geblieben ist, bevor ich irgendetwas in den Papierkorb werfe.
Mein Rat an alle, die spät anfangen
Ein Aquarell-Tagebuch ist kein Portfolio für eine Galerie und schon gar keine Bewerbungsmappe. Es ist eher ein kreatives Tagebuch für den Ruhestand, in dem nichts als falsch markiert wird, nur als gewesen. Wenn du überlegst, selbst damit anzufangen: Tu es für dich, nicht für die Nachbarin im Treppenhaus und nicht für irgendein Publikum im Internet.
Mein Enkel hat neulich genau das Bild gelobt, das ich eigentlich in den Papierkorb werfen wollte. Oma, der Klecks sieht aus wie ein kleiner Hund, hat er gesagt, mit todernstem Gesicht. Danach konnte ich das Blatt nicht mehr wegwerfen. Aus dem Fehler war über Nacht eine Geschichte geworden.
Wie sehr das Malen den Blick auf den ganz normalen Alltag verändert, hätte ich vor der Pension nicht gedacht — plötzlich sehe ich Schattenfarben auf dem Gehweg, die mir früher nie aufgefallen wären. Mehr dazu steht in einem anderen Eintrag: Warum das Malen die Kreativität im Ruhestand fördert.
Falls du selbst mit einem Tagebuch anfangen möchtest: Der Aquarell Online Kurs war für mich ein Einstieg, der nicht überfordert hat, ohne dass gleich alles sitzen musste. Aber der eigentliche Ratschlag hat nichts mit einem Kurs zu tun: Häng nicht an dem Bild, das gelingen soll, sondern an dem Blatt, das ehrlich zeigt, wie der Sonntag wirklich war. Nächsten Sonntag sitze ich wieder am Küchentisch, Fenster gekippt, und schaue, was das Wasser diesmal mit meinem Blau vorhat.